Jetzt haben wir es schwarz auf weiß - und noch dazu aus dem "Ausland" (was bei uns besonders zählt), nämlich von der OECD: Österreichs Studierende brauchen bis zum Abschluss doppelt so lang wie ihre irischen, englischen und Schweizer Kollegen. Und sie kosten den Staat mehr als das Zweifache der OECD-Durchschnittskosten - eine Million Schilling pro Student. Kein Wunder, dass österreichische Hochschulabgänger unter diesen Bedingungen dünn gesät sind. Dass wir nach der Türkei, Tschechien und Mexiko die niedrigste Absolventenquote der Welt haben, ist natürlich nicht neu. In Wahrheit wirft uns die OECD unsere "elitären Abschlusszahlen" schon seit 30 Jahren vor. Nur ohne jeden Erfolg. Denn nach verbreiteter, durchaus nicht nur sozial-demokratischer Sicht darf niemand in Österreich bei seiner "freien Studienwahl" beeinflusst werden. Jeder soll probieren dürfen, was er will. Probiert mal Medizin Und so läuft das auch. Also probiert man zunächst einmal Medizin, die kennt man von den vielen einschlägigen TV-Serien am besten, da winken Geld und Prestige; wenn das schief geht, versucht man Jus (immerhin: "Madlock") oder Betriebswirtschaftslehre, vielleicht auch die Wirtschafts-Uni, möglicherweise Psychologie. Als Rettungsanker bleibt immer noch eine Lehrerausbildung, letztlich an der Pädagogischen Akademie (rund 1500 arbeitslose Lehrer jährlich allein in der Steiermark in den letzten 15 Jahren beweisen diese Behauptung). Als ich vor einiger Zeit eine 29-jährige Jus-Studentin fragte, die noch mindestens fünf Semester vor sich hatte, was sie denn bisher gemacht habe, meinte sie fröhlich: "So ziemlich alles, was im Vorlesungsverzeichnis der Uni steht." Mit einem Wort - wir lassen die Studierenden weitgehend allein. Denn die gut gemeinten "Studienberatungen", die von allen möglichen Institutionen kommen, nur nicht von jenen, die für die jeweilige Studienrichtung verantwortlich sind, also von den medizinischen, juristischen, sozialwissenschaftlichen oder Maschinenbau Fakultäten, haben so lange keine Wirkung, als sie vollkommen unverbindlich bleiben. Und das ist so, denn verbindliche Selektion ist in Österreich verpönt. "Hinausgeprüft" Dafür wird an allen Universitäten "hinausgeprüft" - und vor allem "hinausfrustriert". Bei den Juristen jedenfalls scheidet das Gros keineswegs in der so genannten Eingangsphase des Studiums aus - der höchste Prozentsatz wirft erst im Laufe der weiteren zwölf bis 14 Semester irgendwann genervt das Handtuch. Dazu kommt noch ein beachtlicher Pulk von Studenten, die längst schon einen Full-time-Job haben, meist auch schon Familie, und die hoffen, irgendwann einmal den Uni-Abschluss zu machen. Das geht bei uns aber nicht so wie in anderen Ländern, wo es für solche "Part-times-Students" eigene Fakultäten mit Abendkursen gibt - sondern im Normalstudium. Denn eigene Kurse für Berufstätige können sich die Unis bei der gegenwärtigen personalen Ausstattung nicht leisten, da würde mindestens ein Drittel mehr Lehrpersonal benötigt. Also wird einfach fortgewurschtelt - unter äußerst schwierigen Bedingungen, vor allem für die Studierenden. Überfüllte Hörsäle Von Fort- und Weiterbildung kann keine Rede sein. Allein 30.000 Jus-Studenten in Österreich in nur fünf Fakultäten - das macht zumindest vier davon zu Dinosauriern. Wien beispielsweise hält den traurigen Rekord, mit 13.000 Juristen nach Rom die zweitgrößte Fakultät der Welt zu sein. Der Durchschnitt in den 176 Law-Schools der USA liegt bei 1200 Studenten. In Mittel- und Osteuropa sind es gleichfalls erheblich unter 2000. Ebenso in den meisten Staaten der EU. An den meisten Law-Schools der Welt (mit Ausnahme von Deutschland und Österreich) bewerben sich Jahr für Jahr durchschnittlich fünf- bis achtmal so viele Studierende als dann letztlich genommen werden - nach Tests, die in der Regel als Erstes fragen, warum man Jus studieren will, weshalb gerade an der gegenständlichen Fakultät, was man bisher an "Führungsqualität" gezeigt hat (Klassensprecher, Anführer bei den Pfadfindern usw.) und an sozialer Einstellung, Teamwork, selbstständiger Arbeitsweise. Natürlich spielt auch die Fachkompetenz in bestimmten Bereichen eine Rolle, sowie die Highschool bzw. das College, von dem man kommt. Ganz ähnlich geht es in Mittel- und Osteuropa zu. Bildungspolitische Entscheidungen gefordert Wir können uns in Österreich daher nicht mehr länger von einer weitreichenden bildungspolitischen Entscheidung drücken: Entweder gehen wir den Weg der Massenuniversität weiter, also ohne jede Selektion - dann muss die Anzahl der Hochschullehrer in vielen Bereichen zumindest verdoppelt werden, um den internationalen Standard (etwa 20 Studierende/Lehrende) zu erreichen; oder wir führen Auswahlverfahren an den einzelnen Fakultäten und Studienrichtungen ein, die aus Studierenden, die alles probieren, Studenten machen, die wissen, was sie wollen. Die Studiengebühren sind ein erster Schritt in die richtige Richtung. Der Zweite muss folgen - so oder so, nur so schnell wie irgend möglich. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 19. 6. 2001)