Man soll dem Volk immer aufs Maul schauen, empfehlen uns die Populisten (Politiker und Journalisten). Und die Politik hangelt sich furchtbar gern an den Meinungsumfragen entlang. "Das wollen die Leute nicht", dekretierte vor nicht allzu langer Zeit der Wiener Bürgermeister und so kamen keine "Ausländer" in die Gemeindebauten. Aber die Zeiten ändern sich und jetzt versucht man es doch - zaghaft. "Den Leuten aufs Maul schauen" - das ist schon in Ordnung, in Maßen. Denn Politik heißt auch gestalten und, ja doch, führen. "Die Leute" sind meist Gewohnheitstiere, die Österreicher überhaupt Sicherheitsfanatiker. Aber wenn ein Mock und ein Vranitzky nicht die Notwendigkeit eines EU-Beitrittes erkannt und in die Tat umgesetzt hätten, dann wären wir heute ein zweitklassiger Staat mit starker Wohlstandsgefährdung. Im Übrigen waren die Österreicher anfangs skeptisch, dann aber pragmatisch. So war es beim EU-Beitritt, beim Euro und so wird es bei der EU-Erweiterung sein. Nur: Führen muss man. Das bedeutet geduldig überzeugen und manchmal entschlossen handeln. Dann kann man dem Volk wieder eine Zeit lang aufs Maul schauen . . . (DER STANDARD Print-Ausgabe, 20. 6. 2001)