Skopje/Wien - Die Verfassung Mazedoniens, die nach der Unabhängigkeit 1991 angenommen wurde, schreibt die Rechte der nationalen Minderheiten weniger großzügig fest als die letzte jugoslawische Bundesverfassung von 1974. Dennoch liegen sie über dem Standard sämtlicher Nachbarstaaten. Vor dem Zerfall Jugoslawiens waren die Behörden der Teilrepublik bestrebt, einen Sonderstatus für die albanische Bevölkerung, wie er in Serbien durch die Einrichtung der autonomen Provinz Kosovo geschaffen wurde, zu vermeiden. Die staatlichen Autoritäten Mazedoniens gingen in der kommunistischen Zeit mit Härte gegen die Albaner vor. Die starke Prägung durch die jahrhundertelange osmanische Herrschaft wirkt auf dem Balkan in der Weise nach, dass konfessionelle Zugehörigkeit ein wesentliches Merkmal ethnischer Identität ist. Die Albaner Mazedoniens gehören nahezu zur Gänze dem islamischen "Lager" an, von dem sich das slawische Mehrheitsvolk bedroht fühlt. Durch Segregation gekennzeichnet Das Verhältnis zwischen den Albanern und der slawischen Mehrheit war auch in der Tito-Zeit durch Segregation gekennzeichnet, Mischehen gab es nur in Ausnahmefällen. Albanische Vornamen waren verboten, Kinder durften bis zum 15. Lebensjahr keinen Religionsunterricht erhalten. Es kam wiederholt zu Demonstrationen der mazedonischen Albaner, die aber nie zu ernsthaften Konflikten eskalierten. Nach der Unabhängigkeit bemühte sich die politische Führung in Skopje um Einbindung der Albaner in die Mitverantwortung, ohne jedoch rechtliche Zugeständnisse zu machen. Eine Anerkennung der Albaner als "konstitutives Staatsvolk" kam nicht in Frage. "Nationalstaat des mazedonischen Volkes" Die albanische Bevölkerungsgruppe konzentriert sich auf die nordwestlichen Landesgebiete, wo sie in zwei Gemeinden, Tetovo und Gostivar, die Zweidrittelmehrheit hat. Die Beckenlandschaft am oberen Vardar ist der Schwerpunkt der albanischen Besiedlung mit Tetovo als Zentrum. Das Gebiet schließt direkt an Albanien und das Kosovo an. Trotz der kompakten Siedlungsweise ist die räumliche Durchmischung für Mazedonien charakteristisch. Die Verfassung von 1991 definiert Mazedonien als "Nationalstaat des mazedonischen Volkes". Die anderen ethnischen Gruppen werden in der Verfassung als "Nationalitäten" bezeichnet. Ausdrücklich genannt werden Albaner, Türken, Wlachen (Aromunen) und Roma. Die albanischen Politiker waren von Anfang an mit dem Nationalitätenstatus unzufrieden und streben ein "binationales" Modell nach belgischem Vorbild mit zwei konstitutiven Nationen an. Bisher sahen die slawo-mazedonischen Parteien diese Forderung als nicht verhandelbar an. Internationale Kritik Die Verfassung nennt das Mazedonische, geschrieben in seiner eigenen Variante der kyrillischen Schrift, als Amtssprache der Republik. Sprachen und Schriften der Nationalitäten sind im Gegensatz zur Tito-Verassung 1974 nur dort gültig, wo Nationalitäten lokal die Mehrheit bilden. Die Verwendung der eigenen Sprache in der Universitätsausbildung steht den Nationalitäten laut Verfassung nicht zu. Dieser Mangel führte zum offenen Konflikt, als eine albanische Universität in Tetovo trotz Verbot den Betrieb aufnahm. Um der internationalen Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen, veranlasste die Regierung die Pädagogische Fakultät der Universität Skopje, fast alle Lehrfächer auch in albanischer Sprache zu unterrichten. Die in der Verfassung 1974 enthalten gewesene Bestimmung, dass Nationalitäten sowohl auf Gemeinde- als auch auf Staatsebene entsprechend ihrer Bevölkerungszahl politisch vertreten sein müssen, fehlt in der neuen Verfassung. Nach Erkenntnissen von Menschenrechtsorganisationen gibt es in einigen Bereichen schwere Mängel. Benachteiligt sind die Albaner im Staatsdienst, in der Gemeindeverwaltung. Ihr Anteil unter den Polizisten soll nur 4,5 Prozent betragen. Ein binationales Staatsverständnis dürfte das Minimum sein, um die Albaner auf Dauer im mazedonischen Staatsverband halten zu können. Allerdings wird die Entwicklung von äußeren Bedingungen abhängen, vor allem in der Krisenregion Kosovo. (APA)