Das dreitägige Festival Sonar startete 1994 in Barcelona als gemütliches Zusammentreffen der musikalischen Elite der Elektronikszene. Sieben Jahre später droht der kommerzielle Ausverkauf. Ein Bericht von STANDARD-Mitarbeiter Oliver Ilan Schulz . Barcelona - Sonar, das mittlerweile weltweit einflussreichste Festival für elektronische Musik, hat es wieder geschafft: Mit 80.000 Besuchern kommen nun Mitte Juni wieder rund ein Drittel mehr Gäste als im Vorjahr. Eine beachtliche Steigerung, wenn man bedenkt, dass beim ersten Sonar 1994 nur ein Zehntel der heutigen Klientel anreiste. Die Grundidee bleibt dieselbe. Die Veranstaltung soll den aktuellen Stand der elektronischen Musik aufzeigen. Es dominieren Techno, House und Electronica mit dem Anspruch, Innovation zu fördern. In den letzten Jahren vollzieht das Programm auch eine schrittweise Öffnung für experimentelle Pop- und Rockgruppen. Bei Sonar 2001 gipfelt sie in dem Konzert der New Yorker Avantgardeband Sonic Youth, die derzeit zeitgenössische Komponisten wie John Cage oder Steve Reich interpretiert. Insgesamt bespielten an drei Tagen rund 140 DJs und Bands die sieben Festivalbühnen. Mit über 3000 akkreditierten Besuchern ist Sonar zugleich der wichtigste Treffpunkt des internationalen Fachpublikums. Die Musikindustrie und die Technologieentwickler zeigen an 70 Ständen ihre Produkte. Allerdings gilt Sonar wegen seines festiven Charakters eher als Kontaktbörse denn als Ort für konkrete Verhandlungen. Advanced Music, die DJ-Booking-Agentur der Organisatoren, finanziert das Festival durch Eintrittsgelder, Sponsoring und die üppigen Stand-und Akkreditierungsgebühren. Zu den gering beteiligten institutionellen Förderern gehört das Zentrum für zeitgenössische Kunst CCCB, in dessen Gebäudekomplex in der Stadtmitte die Tagesveranstaltungen stattfinden. Für das Nachtprogramm mieten die Veranstalter außerhalb der Stadt ein Hallenensemble für 18.000 Personen. Donnerstagnacht erwartet die Gäste auf der großen Bühne zunächst ein unerwartetes Bild. Streicher, Flöten, Akkordeon plus das übliche Bandinstrumentarium: Die Besetzung von Sigur Rós beweist, dass Sonar nun traditionelle Mittel zulässt. Die atmosphärischen Songs der Isländer schwellen nur langsam an und verebben nahezu unbemerkt. Wie zu befürchten, greift Sigur Rós zerbrechliche Musik aber in den enormen Räumlichkeiten nur bedingt. Bei solchen Massenereignissen hat es der DJ-Entertainer Carl Cox mit seinem souverän gemixten Set viel leichter. Ohne große Überraschungen spiegelt es zeitgemäßen Techno. Bisweilen wagt er ein paar House-Anleihen, doch schnell kehrt der Rave-erfahrene "Three Deck Wizzard" wieder zu geraden, harten Beats zurück. Seine wilde Gestik feuert die Leute an. Die Tanzenden jubeln bei jeder neuen Platte, Cox lächelt zufrieden. Das hier ist noch nicht Ibiza, aber es lässt wenig Raum für Experimente und künstlerische Feinheiten. Konzerte mit . . . "Es gibt nichts Langweiligeres als ein Konzert, bei dem ein Typ mit seiner Maus rumspielt. Wenn wir nicht aufpassen, werden diese 'Clicker Concerts' der Untergang der Laptop-Musik", ereifert sich US-Musiker Jake Mandell. Neben den DJ-Sets von Größen wie Carl Cox oder Frankie Knuckles boten vor allem die "Konzerte" wieder einmal zahlreiche Beispiele für hervorragende Musik bei totaler Abwesenheit von Performance. Während die Klangkünstler gebannt auf ihre Bildschirme starrten, mussten sich die Besucher optisch mit Videozuspielungen begnügen. Am Freitagabend startet allerdings Jake Mandells Gegenoffensive. Seine Musik ist gerade noch experimenteller Techno, auch wenn sie auf typische Elemente wie die durchgehende Bassdrum verzichtet. Jake Mandell ist Programmentwickler in einer Musiksoftwarefirma und beherrscht die Technik mühelos. Am Laptop fühlt er sich "so frei", als würde er "ein Instrument spielen". Nebenbei schwingt er die Hüften und grinst in die Kameras. Spontan geht er nach dem Konzert im begeisterten Publikum Händeschütteln. Endlich: ein Laptop-Musiker zum Anfassen! Künstler wie Jake Mandell führen eine durchaus wegweisende Kombination aus Kreativität, Wissen und Performance vor. Jede Großveranstaltung hat ihre Ruhenischen. Bei Sonar liegen sie im Ausstellungsteil. In Jeff Mills' Installation Mono erhellt nur eine zur Wand gedrehte Schreibtischlampe den Raum im Museum für zeitgenössische Kunst. Zur atmosphärischen Musik der Technolegende Mills sollen die Menschen über ihre heikle Position zwischen "Space and Earth" nachdenken. Bei so fundamentalen Themen darf als letztes Element der Ausstattung ein Modell des Monolithen aus Kubricks 2001 nicht fehlen. Der Begleittext erklärt, die richtigen Fragen seien oftmals relevanter denn Antworten ... . . . dem Mausklick Die Veranstalter können jedenfalls zufrieden sein. Zwischen Massengeschmack und Experimenten konnte noch einmal die Balance bewahrt werden. Nach dem sprunghaften Besucheranstieg stehen die Zeichen weiter auf Expansion. Die Intimität allerdings, die den Charme des Festivals begründete, wird endgültig verloren gehen. Viele unabhängige Musikproduktionen dürften zu kleineren Treffen wie dem südfranzösischen Aquaplaning abwandern. Sonar steht am Scheideweg: Überschaubares Festival oder Loveparade und Midem in einem? Die Organisatoren haben ihre Wahl getroffen. Barcelonas Tageszeitung el Periódico zitiert aus guter Quelle: "Die elektronische Musik hat sich in eine ebenso kraftvolle Bewegung verwandelt wie der Rock vor 40 Jahren. Sonar muss weiter wachsen, weil die Musikindustrie und das Publikum es verlangen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 6. 2001)