München/Wien - Die Erteilung eines Patents auf ein Brustkrebs-Gen durch das Europäische Patentamt in München stößt auf breiten Widerspruch: "Gemeinsam mit Greenpeace fordern wir den Widerruf des Patents", erklärte Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der deutschen Bundesärztekammer, am Mittwoch, "die Ärzteschaft lehnt Patente auf Gene ab." Zuvor schon hatten Grundlagenforscher einen Angriff gegen bereits bestehende Patente auf das Gen gestartet. Zwei Gene sind in mutierten Formen für fünf bis acht Prozent aller Brustkrebse verantwortlich, BRCA 1 und 2. Für beide hält die US-Firma Myriad weltweit mindestens 17 Patente, vor allem in den USA. Auch in Europa gab es schon eines - auf ein Verfahren, einen Gentest -, nun gibt es eines auf das Gen BRCA 1 selbst, ein zweites auf BRCA 2 ist beantragt. Patente auf Gene des Menschen sind noch umstrittener als andere Genpatente, etwa auf Pflanzen, weil sie neben der Grundfrage - ist Leben patentierbar? - handfeste Interessen tangieren, die von Patienten, Ärzten und Forschern: Patente geben das Exklusivrecht auf die Verwertung aller Tests und Therapien, die irgendwie mit BRCA zu tun haben. Das brächte nach Kalkulationen britischer Ärzte für ihre Patientinnen mindestens eine Verdoppelung der Preise. Und Forscher müssten nicht nur für jedes Experiment mit BRCA Lizenzgebühren an Myriad abführen, ihnen drohen Nachzahlungen für die Zeit, in denen das Patent eingereicht war und auf die Bearbeitung wartete. Forschungsblockade Die befürchtete Blockade der Forschung hat Ärzte am Pariser Institut Curie vor zwei Wochen zu einem Befreiungsschlag veranlasst: Sie haben noch andere Mutationen an BRCA 1 und 2 gefunden, die in Myriads Gentest nicht erfasst werden. Deshalb wollen sie nicht nur das Patent verschwinden sehen, sondern den unzureichenden Test selbst. (Science, Vol. 292, S. 1818) Das Patent wurde am 23. Mai erteilt, Greenpeace hat es pünktlich zu einer Sitzung des deutschen Bundestags publik gemacht, der heute über die EU-Patentrichtlinie berät. "Das Wissen um Anatomie und das Genom des Menschen sind keine Handelsware", deponierte Ärztepräsident Hoppe vorab. Überprüfung Inzwischen hat die deutsche Justizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) angekündigt, die Patentierung des Brustkrebs-Gens beim Europäischen Patentamt überprüfen zu lassen. Sollte das Amt die falsche Entscheidung getroffen haben, werde die Regierung dies anfechten, sagte sie der "Süddeutschen Zeitung". Zugleich lehnte sie eine Forderung des Deutschen Ärztetages ab, Patente auf Gene grundsätzlich zu verbieten. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace kündigte am Mittwoch bereits Einspruch gegen die Patentierung des Brustkrebs-Gens an. Die US-Firma Myriad Genetics habe ein Monopol auf alle Funktionen des Gens erhalten, obwohl sie nur ein Verfahren zur Diagnose von Brustkrebs entwickelt habe, erklärte Greenpeace zur Begründung. Greenpeace erklärte, andere Wissenschaftler dürften nur noch gegen Lizenzgebühren an dem Gen forschen, das Brustkrebs, aber vermutlich auch Prostata- und Dickdarm-Krebs auslösen könne. Es sei notwendig, die Patentierung von Genen zu stoppen. (APA/red)