Mit ihm ist der letzte große Bluesmann von uns gegangen. John Lee Hooker (83), der mit Songs wie "Boogie Chillen" Musikgeschichte schrieb, starb nach einem Konzert friedlich im Schlaf. San Francisco - "Der Blues fing mit Adam und Eva an. Dies ist der Ursprung: Ein Mann und eine Frau - a broken heart and a broken home." John Lee Hooker, 1989. Am Anfang werden dissonante Klänge aus einer billigen, offen gestimmten Gitarre herausgedroschen und brutal mit einem Verstärker angezerrt. Die Nervenenden liegen brach und entzündet. Hören mit Schmerzen. Mit dem linken Fuß wird der monotone, irgendwo zwischen Acht- und Zwölftaktschema irrlichternde Rhythmus auf einer Holzplatte gestampft und mit archaischen Echoeffekten zusätzlich aufgeladen. Jetzt setzt sie ein, diese unvergleichliche, düster murmelnde Stimme, die bald darauf das Zeitalter von Sex & Drugs & Rock 'n' Roll einläuten wird: "Well, my mama she didn't allow me, just to stay out all night long, ohhhhhh Lord ..." Dann folgt eine unendlich lange, unerträgliche Pause bis zur Klimax: "Boogie Chillen!" Das ist nicht nur schwarze Magie, das ist purer, gefährlicher Sex. Noch heute, im Zeitalter von Kakophonie und Techno, kann man damit Hörer schrecken, die es nicht besonders schätzen, wenn Musik so richtig intensiv wird. Der Blues in seiner aggressivsten, schmutzigsten, derbsten, primitivsten und heute noch verstörendsten Form kam 1948 mit dem Song Boogie Chillen über die Welt. Dessen Schöpfer John Lee Hooker schaffte es, mit Songs wie diesem dunklen Zentralgestirn des Pop und mit Klassikern wie Crawlin' King Snake , I'm In The Mood oder Boom Boom , nicht zuletzt auch mit dem Amoklauf I'm Gonna Kill That Woman , zum neben Robert Johnson und Muddy Waters größten Bluesmusiker aller Zeiten aufzurücken. Hooker hatte sich Anfang der 30er-Jahre während der Großen Depression, wie so viele andere Afroamerikaner auch, als Armeleutekind aus dem US-Süden auf den Weg nach Norden gemacht. Dort lockte nicht nur Arbeit in den Fabriken, sondern auch weniger Repression als im heimatlichen Clarksdale, Mississippi. Über den Zwischenstopp Memphis, wo er sich als Musiker in den Clubs der Beale Street über Wasser hielt, war Hooker zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in der Motorcity Detroit angekommen: "Mein Stiefvater hatte eine kleine Farm. Aber Landarbeit hat mir nie sonderlich zugesagt. Ich mochte sie einfach nicht. Ich war faul." In Detroit schlug er sich als Fließbandarbeiter durch, bevor er entdeckte, dass man als Musiker bei diversen House Parties in der Nachbarschaft nicht nur auf angenehmere Art Geld verdienen, sondern sich auch von der Damenwelt aushalten lassen konnte: "Die Rüstungsbetriebe brauchten dringend Arbeitskräfte, und so hatte ich nie Probleme, Jobs zu finden. Dann erwischten sie mich während der Schicht wieder beim Schlafen, feuerten mich, stellten mich wieder ein ... Außerdem kann man ja heiraten. Innerhalb von fünf Jahren kann man fünf oder sechs Ehefrauen haben, wenn man wirklich will. Ich selbst war dreimal verheiratet. Nein, halt, es waren doch vier." Ab 1948 jedenfalls, als er sich auch einen Ruf als Musiker erarbeitet hatte, verkaufte er unter Pseudonymen wie The Detroit Lion, The Boogie Man oder auch unter seinem richtigen Namen eine archaische, wie sonst kaum eine Spielart des Blues auf dessen polyphone afrikanische Wurzeln verweisende Musik, die bis heute ihresgleichen sucht. In den 60er-Jahren wurde sie von einem weißen Publikum enthusiastisch empfangen - als "originärer" Ausdruck von "edlen Wilden" ebenso wie heute auch als historisches "Gründerzeit"-Dokument des Pop. Hooker begegnete dem gelassen, veröffentlichte an die hundert Alben und arbeitete nun mit wechselnden Bands und weißen Verehrern wie Van Morrsion oder Keith Richards. Er tourte bis zum Schluss. Am Donnerstag starb Hooker in San Francisco friedlich im Schlaf. Wahrscheinlich im Alter von 83 Jahren. Wie auch beim Blues, so liegt sein Geburtsdatum im Dunkeln. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24. 6. 2001)