Flexibilisierung vor allem des Arbeitsmarkts ist zum Zauberwort der Wirtschafts- und Firmenpolitik geworden: Ob bei konservativer oder sozialdemokratischer Regierungen oder in den Universalrezepten der Unternehmensberater, stets sind es dieselben Versatzstücke: größere Mobilität, höhere Flexibilität, beschleunigte Reaktion auf unvorhergesehene Ereignisse. Unsere Welt sei raschlebiger geworden, die Produktlebenszyklen kürzer, die Konkurrenz härter. Wegen der Dynamik würden längerfristige Konzepte immer schneller obsolet.

Als Idealbild der Zukunft gilt die virtuelle Firma, die keine Anlagen oder Personal hat und nur noch aus einer Idee besteht, die von ad hoc zusammengestellten Spezialistenteams entwickelt, möglichst in Niedriglohnländern produziert und über selbstständige Firmen vertrieben wird. Doch auch bei den überlebenden realen Firmen wird es laut diesem Konzept nur noch temporäre Dienstverhältnisse geben. Langfristige Verträge sind passé, der rasche Wandel des Qualifikationsbedarfs werde dazu führen, dass sich jeder Mensch im Laufe des Lebens auf mehrere Berufswechsel einstellen müsse. Diese Vorstellungen beruhen auf oberflächlicher Analyse und verleiten zu gefährlichen Schlüssen.

Die Beschleunigung reden wir uns zum größten Teil ein: Die Wirtschaft wächst nicht rascher, sondern sogar langsamer als früher. Ddie angeblich rascheren Produktzyklen sind viel mehr Wechsel von Mode und Design als von Technologie.

Neue Herausforderungen sind weniger die Folge höheren Tempos als vielmehr steigender Komplexität; höhere Komplexität aber erfordert nicht raschere Reaktionen, sondern komplexere, grundlegendere, da künftige Entwicklungen und Anforderungen immer schwerer erkennbar sind. Es wäre oberflächlich, auf steigende Komplexität nur mit Flexibilität zu reagieren und alle Optionen durch Kurzfristig-Verträge offen zu halten.

Verheerende Folgen

Eine solche Strategie vernachlässigt die Reaktionen der Partner und kann schon mittelfristig verheerende Folgen haben. Wenn Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden jederzeit damit rechnen müssen, ihren Job, ihren Kunden oder ihren Lieferanten zu verlieren, werden sie Strategien entwickeln, den möglichen Schaden zu minimieren.

Mit temporären Verträgen werden Arbeitnehmer keine firmenspezifischen Kenntnisse erwerben, sondern auch anderswo verwertbare, Lieferanten keine kundenspezifischen Komponenten entwickeln, sondern solche, für die ein breiter Markt besteht, Kunden sich nicht auf ihren Lieferanten verlassen. Eine Firma, die auf Flexibilität setzt, wird demgemäß keine prägnant firmenspezifischen Produkte anbieten und keine firmenspezifischen Fähigkeiten entwickeln können; sie wird bei Eintritt unvorhergesehener Ereignisse zwar flexibel reagieren können, indem sie alte Bindungen auflöst, doch wird es ihr an der Fähigkeit mangeln, neue Chancen zu erkennen und zu nutzen: Sie wird in Bezug auf neue Ideen an betrieblicher Magersucht leiden.

Viel mehr als Flexibilität ist daher der richtige Umgang mit Komplexität gefragt: Sicherung des Über-lebens in Krisen statt Überbetonung von Optimierung und Effizienz; Elastizität, Anpassungsfähigkeit, aktives Streben nach Veränderung und organisatorisches Lernen sind dafür zentrale Voraussetzung. Hier kann nur auf Letzteres eingegangen werden. Die moderne Firma entspricht eher einem Profifußballteam als einer Fabrik: Ihr Wert liegt in firmenspezifischem Wissen. Da dieses aber das Wissen der Mitarbeiter ist, muss es durch permanentes Lernen weiterentwickelt werden. Neben individuellem Lernen zum Erwerb firmenbezogenen Wissens ist auch kollektives Lernen erforderlich. Beides funktioniert nur, wenn die Mitarbeiter ihren Job als dauerhaft ansehen und sich mit der Firma identifizieren; sonst ist für sie allgemeines Wissen wertvoller.

Ausbildungslücken

Der internen Ausbildung kommt bei der Vermittlung firmenspezifischen Wissens und der Teambildung zwangsläufig besondere Bedeutung zu. Die Entwicklung läuft diesen Erfordernissen aber diametral entgegen: Die großen Industriefirmen haben ihre Lehrwerkstätten geschlossen und die interne Ausbildung eingestellt; sie nehmen Fachkräfte vom Markt und kündigen sie sofort, werden andere Qualifikationen benötigt.

Dabei stoßen sie allerdings auf zwei Probleme: Die Fachkräfte vom Markt haben kein firmenspezifisches Wissen, was regelmäßige Forderungen nach praxisnäherer Ausbildung auslöst. Zweitens stellt sich die Frage, wer den Markt mit Fachkräften beliefert. Die Gewerbebetriebe sind dazu zunehmend weniger bereit, da die ausgebildeten Kräfte systematisch abgeworben werden. Nun soll das Ausland das Manko ausgebildeter Fachkräfte abdecken.

Halten Industrie und Wirtschaftspolitik an ihrer Flexibilisierungsstrategie fest, wird sich die Lage rasch weiter verschlechtern: Wozu sollen junge Leute einen Beruf lernen, wenn das keine Dauerbeschäftigung sichert und ihr Wissen überdies schnell veraltet? Rasches Lernen der gerade benötigten Qualifikation ist dann die beste Strategie: Die so dringend gesuchten Fachkräfte gibt es dann nicht mehr. Die virtuelle Firma ohne längerfristige Bindungen ist eine sehr kurzfristige Vorstellung: Ist die "Idee" erschöpft, ist die Firma tot; bei Flexibilität kann sie auch ohne größere Kosten sterben.
Gunther Tichy ist Chef des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. (Günther Tichy, Der Standard, Printausgabe, 25.06.2001)