Eindrücke und Beobachtungen während des Russland-Besuchs von Bundespräsident Thomas Klestil wie auch Äußerungen von Gastgeber Wladimir Putin scheinen zu bestätigen, was manche schon bald nach dessen Amtsantritt vermutet haben: Der Nachfolger Boris Jelzins versucht das seit dem Ende der Sowjetunion desorientierte Land mit einer Mehrfachstrategie zu stabilisieren. Das starke Russland, das Putin vorschwebt, soll einerseits mit straffem Zentralismus, einer überragenden Rolle des Kremls bei gleichzeitiger Kontrolle der wichtigsten Medien erreicht werden; andererseits soll die Sanierung der Wirtschaft durch weitreichende Liberalisierung erreicht werden. Ob dieser Widerspruch auf Dauer durchzuhalten ist, bleibt indes äußerst fraglich.

Putin hat die Anwesenheit Klestils dazu genutzt, noch eine andere Botschaft auszusenden: Russland ist nicht bereit, die einzige noch vorhandene Gleichrangigkeit mit den USA, nämlich in der strategischen Rüstung, preiszugeben. Mit der Präzision und Logik des ehemaligen Geheimdienstoffiziers machte Putin klar, dass Russland sich durch den einseitigen Aufbau eines Raketenabwehrsystems ausgebootet fühlen und mit einer neuen atomaren Rüstungsrunde antworten würde. Ein neuer Kalter Krieg wäre die unweigerliche Folge.

Möglich, dass der Kremlchef hier hoch pokert und seine Zustimmung zu einer Raketenabwehr so teuer wie möglich machen will. Verlassen sollte man sich in Washington nicht darauf. Denn für Putin kommt das Thema Raketenabwehr wie ein Geschenk des Himmels. Es erlaubt ihm, vor der Welt, vor allem aber gegenüber dem eigenen Volk, Stärke zu zeigen, und das zu relativ geringen Kosten. Und nachdem er sich jetzt so weit hinausgelehnt hat, wird er sich einen Rückzieher nicht mehr leisten können. Die Militärs, die sich - aus vielerlei Gründen - ohnehin gedemütigt fühlen, würden es ihm nicht verzeihen. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 25.6.2001)