Bei der Ankündigung des Gedenkgottesdienstes für Robert Hochner kam es vergangenen Dienstag in der ZiB 2 zu einer bemerkenswerten Szene. Mit einer Mischung aus Inszenierung und emotionalem Ausbruch verabschiedeten sich die KollegInnen von dem Verstorbenen: Eine weinende Ingrid Thurnher legte eine weiße Rose auf den Tisch, ehe sie das Studio verließ und nur noch der leere Sessel und ein Monitorbild des Verstorbenen zu sehen war. Die Worte von Kardinal König im Bericht davor klangen danach wie eine Ergänzung dieser Szene: "Er wird nicht mehr zu uns sprechen." Was aber bedeutet es, wenn ein Kirchenmann das sagt? Spricht ein Moderator zu uns? Zeichen des Eigensinns In der Kirche sind die, die sprechen jene, die das Wort verkünden. Dabei ist der Inhalt ebenso wichtig wie der Akt des Verkündens, der die Gemeinschaft um den Sprecher versammelt. Wenn Hochner in diesem Sinn zu uns "gesprochen" hat, dann muss sein Sprechen - unabhängig von den Inhalten - selbst etwas bewirkt haben. Wenn er im Falter-Interview meinte, "das Gefühl des Massenpredigens trifft die Sache nicht", so steht diesem Gefühl der objektive Effekt gegenüber: Er hat sehr wohl seine "Zusehergemeinde", so das Wort des Kardinals, um sich geschart. Robert Hochner sprach zu uns, weil er uns ansprach. Und er hat uns angesprochen, weil er uns versicherte, dass er er bleibt, egal was passiert. Damit gab er uns die beruhigende Garantie, dass auch wir wir bleiben, egal was passiert. Hochner selbst beschrieb diese Verbindung mit seinem Publikum im Falter so: "Wir haben halt gemeinsam viele Pannen dieses Landes mit überlebt (!). Ich vor der Kamera, die vorm Schirm." Die herausragende Position vor der Kamera ist jedoch nicht genug, um diese Gemeinsamkeit, um uns unsere Identität zu verbürgen. Sonst wäre Hochner ja keine Ausnahmeerscheinung im Fernsehen gewesen. Dazu braucht es also mehr. Robert Hochner hat das Eigenständige in einer großen Maschinerie verkörpert - und zwar einzig durch sein Lächeln. Nicht weil dieses die Nachricht nett und sympathisch gemacht hat, sondern weil es Zeichen seines immer bestehenden Vorbehalts gegenüber allem Geschehen und allen Aussagen war (die Verkörperung seiner reservatio mentalis sozusagen). Form der Erlösung Durch dieses Lächeln hat er sich in besonderer Weise als Person öffentlich gemacht: als Einspruch des Individuums gegen die Macht und die Mächtigen. In seinem Lächeln hat er Abend für Abend den Citoyen ins Bild gesetzt: Er hat der partikularen Position derjenigen, die er interviewt hat und ihren meist parteipolitischen Interessen eine universelle Sprecherposition gegenübergestellt, die teilhat am Allgemeinen. Kurz - Robert Hochner verkörperte durch sein Lächeln das Subjekt mit all seinen Konnotationen: autonom, selbstinitiativ, eigenständig. Die österreichische Paradoxie liegt nun darin, dass das Subjekt in einer Person verkörpert wird - sozusagen als Stellvertreter für alle anderen, die dadurch keine Subjekte sein müssen und sich entspannt zurücklehnen können, im beruhigenden Wissen, dass diese notwendige Position besetzt ist. Dies ist eine - spezifisch österreichische - Form der Erlösung. Dies erklärt auch die Hilflosigkeit, in der er das Land durch seinen Abgang zurückließ - insbesondere aber jene seiner BerufskollegInnen. Merkwürdige Allianz Natürlich hat die Position des stellvertretenden Subjekts der Nation eine besondere Bedeutung für seinen eigenen Berufstand, wo ein eklatanter Mangel daran herrscht. Diese Subjekt-Position in Verbindung mit seiner öffentlichen Leidensgeschichte hat zu jener posthumen Sakralisierung geführt, die Kirche und Medien in eine merkwürdige Allianz gebracht haben. Im Unterschied zu den Fachmännern des Sakralen haben die medialen Totengedenker jedoch keinen gesicherten Umgang damit. Der Mehrwert einer Sakralisierung der eigenen Sphäre, den sie daraus gezogen haben, hat sich in den unterschiedlichsten Formen realisiert. Diese reichen etwa vom Falter bis zu News. Ersterer, dem Hochner seine letzten öffentlichen Wort vermacht hat, hat das reale Gespräch ungekürzt und unredigiert Wort für Wort wiedergegeben - ein Akt höchster journalistischer Weihe. News hingegen hat das realisiert, was Hochner als komplette Entgleisung der Medienmaschinerie bezeichnet hat: Wie zur Entkräftung von Hochners Furcht, die Fellner-Gruppe würde seine Worte nicht so darstellen, wie er sie gesagt hat, hat News ein eigenes so genanntes Hochner-"Vermächtnis" publiziert - und dabei dem Verstorbenen von vornherein eine fremde Sprache verliehen. Unter all diesen unterschiedlichen Gedenkformen nimmt die eingangs erwähnte ZiB 2 eine Sonderposition ein. Nicht ob der spontanen Tränen Ingrid Thurnhers, sondern ob der Inszenierung, mit Hochners einsamem Standbild im leeren Studio. Mit diesem Bild einer doppelten Abwesenheit, wo der Verstorbene von oben auf sich selbst als Abwesenden, auf die Leere, die er zurückgelassen hat, blickt, hat die Sakralisierung ihren Höhepunkt erreicht. Alle, die ab nun auf diesem Sessel sitzen werden, werden zu seinem Nachfolger - zu Stellvertretern Hochners auf Erden. Isolde Charim ist Philosophin in Wien.