"Aus der Norm" lautete der Titel einer Diskussionsveranstaltung des Renner-Instituts über atypische Beschäftigungsverhältnisse Mitte Juni, bei dem Gudrun Biffl als Vortragende nicht fehlen durfte. Die 52-jährige Wissenschafterin arbeitet am Institut für Wirtschaftsforschung und ist eine der führenden Expertinnen für Arbeitsmarkt, Migration und Bildungssysteme. "Aus der Norm" passt auch auf ihre berufliche Laufbahn, wenn auch in anderem Sinne. Gudrun Biffl hat Handelswissenschaften studiert und wollte sich eigentlich mit Marketing beschäftigen. Ihre wissenschaftliche Karriere begann mit einem Schlüsselerlebnis: "Ich war Ende der 60er-Jahre in Spanien, um dort meine Diplomarbeit zu machen. Bei einem Auktionsmarkt für Taglöhner habe ich gesehen, wie diese ihre Arbeitskraft verkauft und Lohnverhandlungen geführt haben. Das hat mich so beeindruckt, dass ich mich von da an mit dem Arbeitsmarkt beschäftigt habe." Durch dessen Erforschung kam sie automatisch auf das Thema Migration und auf die Frage, wie sich verschiedene Bildungssysteme auf die Gesellschaft auswirken. Während Gudrun Biffls großteils männliche Kollegen nach Harvard und Stanford schielen, freut sie sich über ihre Beratertätigkeit zu Migration bei der OECD und über Einladungen zu Vorträgen nach China, Indien oder Australien. Biffl bewarb sich zwar immer wieder für Professuren und leitende Stellen, verzichtete aber bewusst auf politische "Anschieber": "Ich will mich nicht selbst verkaufen müssen. Wenn man mich nicht mit offenen Armen aufnimmt, verzichte ich." Als Wissenschafterin unabhängig zu sein war ihr immer das Wichtigste. Forschung betrachtet sie nicht als Selbstzweck, sondern als totales Engagement, und das bedeutet oft Stress: "Wenn man seiner Zeit voraus ist, ist das immer frustrierend. Man macht Vorschläge, aber es passiert nichts, oder erst lange Zeit später." Gudrun Biffl hat viele Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt oder in Fragen der Migration vorhergesehen. Die Frage, wie das Internet den Handel und den Arbeitsmarkt verändert, fasziniert sie. Als Biffl kürzlich für eine ambulante Untersuchung im Spital war, fiel ihr auf, dass die Ausbildung für Gesundheitsberufe dringendst reformiert werden müsste: "Da gibt es keine österreichweit einheitlich geregelte Ausbildung. Das ist eine neue Subkultur, die uns droht." Dass ihre kritische Haltung in Österreich oft angefeindet wird, stimmt Biffl traurig. Vielleicht denkt sie auch deshalb darüber nach, für längere Zeit nach Australien zu gehen, wo sie ein Jahr lang gelebt hat und als Wissenschafterin mit offenen Armen aufgenommen wird. Doch dann strahlen ihre Augen wieder: "Eigentlich bin ich sehr zufrieden, weil mein Leben nie langweilig ist." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.06.2001)