Als der Kommunismus zusammenbrach, sprach man vom "Ende der Geschichte". Ganz ähnlich sprechen heute manche vom "Ende der Physik": Sie glauben, dass alle grundlegenden Probleme gelöst und alle großen Fragen beantwortet sind. Sollten die Physiker nun taktvoll abtreten und akzeptieren, dass ihre Wissenschaft geschlossen wird? Oder gibt es noch brennende Probleme für sie? Ich möchte die Aufmerksamkeit auf einige Gebiete lenken, in denen es in den kommenden Jahrzehnten noch größere Fortschritte geben mag. In Teilchenphysik und Kosmologie stehen wir davor, uralte Probleme zu lösen: Was sind die letztendlichen Bestandteile der Materie? Und wie funktioniert das Universum? Unser Ziel ist eine Antwort, die so einfach und elegant ist, dass sie vorne auf einem T-Shirt Platz hätte. Aber unser heutiger Stand ist das "Standardmodell", das alle Wirklichkeit auf etwa ein Dutzend Teilchen und vier Grundkräfte reduziert. Ein offensichtlicher Mangel dieses Modells ist der ästhetische: Das Modell ist zu komplex, es kann die Vielzahl seiner Bestandteile nicht erklären. Ein zweiter Mangel liegt darin, dass eine der Grundkräfte - die Gravitation - im "Standardmodell" nicht enthalten ist. Deshalb suchen wir nach einer einfachen Theorie, die alle Grundkräfte vereint. Zu den Ursprüngen Sie hätte Bedeutung vor allem für die Kosmologie, die die Relativitätstheorie - sie zielt auf Gravitation - mit der Quantentheorie vereinen muss, um den Beginn und die Entwicklung unseres Universums zu verstehen. Das wird uns verstehen lehren, wie ein einzelnes Ereignis vor Milliarden Jahren - der Urknall - nicht nur Galaxien geschaffen hat, sondern auch die Teilchen, aus denen lebende Wesen aufgebaut sind, die so komplex sind, dass sie über ihre eigenen Ursprünge nachdenken können. Natürlich meinen einige, die Physik werde keine endgültige Erklärung für die Evolution des Lebens finden. Ich glaube aber, dass die Anwendung ihrer Gesetze und Techniken auf die Biologie stark an Bedeutung gewinnen und am Ende alles menschliche Wissen - das natur- und das geisteswissenschaftliche - vereinen wird. So revolutionär das klingen mag, man kann schon etwas davon ahnen, im Bewusstsein des Menschen: Das Gehirn scheint nach den Gesetzen der Physik zu arbeiten - Quantentheorie, Chaostheorie - und dadurch der logischen Analyse zugänglich zu werden. Wird solches Wissen unsere Emotionen und Künste entwerten, die Liebe, die Poesie? Wird es, wie Keats fürchtete, "den Regenbogen entflechten"? Das hat Richard Feynman, der große theoretische Physiker, schon beantwortet: "Mindert unser physikalisches Verständnis der Sterne in irgendeiner Weise unsere Bewunderung des nächtlichen Himmels?" (DER STANDARD, 27.6.2001, Leon Ledermann)