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Foto: REUTERS/Molly Riley
Wien - Als sich das Himmelsblau über der Erdberger Arena endlich Richtung Schwarz verschoben hatte, war es vorbei. Das Konzert. Leider. Wäre es nach den Zuhörern gegangen, stünde David Byrne möglicherweise jetzt noch auf der Bühne und würde Zugaben spielen. Selten erlebte man in letzter Zeit ein so euphorisches Publikum, dass es einem Künstler derart intensiv dankte, dass dieser - wie man so schön sagt - in Würde älter wird und an genau dieser Würde seine Fans partizipieren lässt. Denn eines kann man dem ehemaligen Vorstand der New Yorker New-Wave-Band Talking Heads in der Tat nicht vorwerfen: nämlich dass er irgendwann selbstgefällig geworden wäre. Byrne, runde 50 Jahre alt, hungert nach wie vor nach Neuem, ohne sich deshalb jedem Trend - wie das etwa David Bowie betreibt - an den Hals zu schmeißen. Stattdessen nimmt er Anleihen aus allen musikalischen Himmelsrichtungen, behandelt diese respektvoll und adaptiert sie dennoch so, dass das Endprodukt immer den typischen Stempel "Byrne" trägt. Diesen charakterisiert ein sicherer Instinkt, in seiner Musik immer jenen Anteil Pop zu garantieren, den er mit den Talking Heads schuf und deren Songs er heute als sichere Eisbrecher für seine Shows verwendet: ohne dies tatsächlich notwendig zu haben und ohne den Beigeschmack miefiger Nostalgie. Ein Talking-Heads-Song wie She Was stand am Mittwoch deshalb gleichberechtigt neben Material aus seinem kürzlich erschienen Album Look In The Eyeball und wurde werkgetreu mit einem schlank instrumentierten Quartett präsentiert. Auch als nach der Hälfte der Show ein Streichquintett die Bühne betrat, bedeutete das keine ausufernden Eskapaden, sondern eine Verdichtung. Byrne tänzelte zu brasilianischen Kaffeeröster-Rhythmen, gab Soundtrack-Beiträge und einen Gospel zum Besten und streute immer wieder Material wie Once In A Lifetime oder What A Day That Was ein. Songs, die unter dem Einfluss der Streicher und einer satten Rhythmusgruppe eine neue Qualität und Dynamik erfuhren. Einen seltsamen Höhepunkt erreichte das Konzert schließlich, als Byrne I Wanna Dance With Somebody interpretierte und eine Irritation durch jene Teile des Publikums ging, die wussten: Eigentlich ist dieser Song verboten. Nach kurzem Durchforsten der Müllhalde des Gedächtnisses nach dem Grund der allergischen Reaktion schließlich die Antwort: Whitney Houston! Aaarrrrgh! Doch Byrne entriss den Song dieser keimfreien "Diva" und führte vor, welche Qualität dieser eigentlich birgt, wenn man ihn mit Herzblut an der Schnittstelle von Disco und Funk vorträgt. So war das, und es war gut. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 6. 2001)