Andy Roddick schickt sich an, der Beste im Tennis zu werden. Dem 18-jährigen Amerikaner sind laut Andre Agassi keine Grenzen gesetzt, ihm selbst kann es nicht schnell genug gehen. In Wimbledon darf "A-Rod" am Freitag gegen Goran Ivanisevic spielen, beide fühlen sich sehr geehrt. Das Problem ist die Royal Box. Wo ist sie? Warum ist sie? Was muss ich dort tun? Wann und wie tief habe ich mich zu verbeugen? Wo soll ich mich drehen? Wie darf ich dreinschauen? All diese Fragen stellte sich Andy Roddick, als er erfahren hatte, dass er auf dem Centre Court von Wimbledon, dem ruhmreichsten Tennisplatz der Welt, spielen darf. Am Abend davor hat "A- Rod" seinen Namen zunächst vergeblich am Plan gesucht. "Weil ich nicht so weit oben mit dem Lesen begonnen habe." Sein Masseur Doug _Spreen und Trainer Tarik Benhabiles sind fündig geworden. "Oh my god", sagte Roddick und war entsetzt. Spreen hat ihm Mut zugesprochen und gemeint, er solle sich alles vor dem Match ansehen. Und staunen. Danach müsse er sich aber bitte auf die Partie konzentrieren. Roddick gehorchte. Er selbst sagt über sich: "Ich denke nicht nach, folge meinen Instinkten." Instinktiv hat er die Stelle erwischt, an der die Spieler Halt machen müssen, um der Royal Box ihre Untertänigkeit zu zeigen. "Ich habe einfach geschaut, was mein Gegner tut." Später schaute dafür Thomas Johansson, der immerhin die Rasenturniere in Halle und Nottingham gewonnen hat, was Roddick tat. "Genauso spielt ein Wimbledon-Sieger der Zukunft", schwärmte John McEnrore nach dem 7:6, 6:1, 4:6, 7:6. "A-Rod", Amerikaner mögen Vereinfachungen, stammt aus Omaha, Nebraska. Er lebt in Boca Raton, sein Bruder John war einst ein kaum erfolgreicher Tennisprofi. "Ich 2. Spalte habe trotzdem von ihm gelernt." Als "A-Rod" im März das Turnier in Miami spielte, wurde er von einem Ordner gefragt, auf welchem Platz er denn Ballbub sei. Im Viertelfinale hat er Pete Sampras geschlagen. Roddicks Bart verweigert das Wachstum, die Ohren sind zu groß geraten, das ist Karrieren nicht hinderlich. Siehe Prinz Charles. Keine Angst Laut Andre Agassi hat Roddick das Zeug, "eine sehr souveräne Nummer eins zu werden". Sampras ist nicht minder begeistert: "Er spielt ohne Angst und besitzt Waffen, die nur sehr schwer zu entschärfen sind." Da wäre der Aufschlag, der in der Stunde 220 Kilometer zurücklegt. Die Vorhand ist ein Strich, die Rückhand sehr passabel, den Volley beherrscht er in Varianten. Der 1,85 Meter hohe Roddick zeigt Emotionen, das kommt an, bisweilen ist er ungestüm, er zappelt, die Wechselpausen sind ihm zu lang. "Manchmal kann es mir nicht schnell genug gehen." Heuer hat er die Turniere in Atlanta und Houston gewonnen, im Champions Race ist er 24. Heute trifft er in der dritten Runde auf Goran Ivanisevic, der in Wimbledon drei Finali verloren hat. Ivanisevic ist bald 30, er schiebt eine Schulteroperation vor sich her, das Rezept gegen die Schmerzen "ist beten". An guten Tagen könne er, Ivanisevic, jeden schlagen. Auch Roddick. "An schlechten Tagen verliere ich gegen die Damen." Über seinen Gegner sagt er: "Um den zu sehen, würde ich mir eine Karte kaufen." Roddick freut das: "Für ihn würde ich mir zwei kaufen." In Wimbledon haben sie freien Eintritt. (DER STANDARD-Printausgabe, Freitag 29. Juni 2001, Christian Hackl)