Die sommerliche Retrospektive des Wiener Filmarchivs gilt heuer einem ganzen Kontinent: "Cine Latino" bietet mit über 120 Filmbeispielen einen denkbar breiten Überblick über das lateinamerikanische Filmschaffen eines halben Jahrhunderts. Vielleicht ist das Ende der Welt der geeignetste Ort, um einen kurzen Streifzug durch das Kino eines ganzen Kontinents zu unternehmen, von Feuerland aus, dem südlichsten Zipfel Amerikas. Das Dasein des Jugendlichen Martin wird dort von bizarren Vorkommnissen heimgesucht: In der gefängnisähnlichen Schule fällt der Schnee ungehindert ins Innere, Porträts stürzen lautstark von den Wänden, einmal schaukelt sogar die Erde, von unsichtbarer Hand bewegt, hin und her. Martin beschließt, der Enge dieses Ortes zu entfliehen, sich mit dem Fahrrad auf die Suche nach seinem Vater zu machen, der tief im Amazonas Comics zeichnet. El Viaje/Die Reise (1992) heißt der Film des Argentiniers Fernando Solanas schlicht, er beschreibt jedoch eine Odyssee, die den Jungen über Peru und Brasilien bis nach Mexiko führt und ihn in vielfachen allegorischen Begegnungen mit der Geschichte der Ausbeutung von Völkern und Ländern konfrontiert. 200 Jahre nach der Entdeckung des amerikanischen Kontinents gedreht, ist El Viaje ein bisweilen allzu mythenschwerer Versuch, die politische Landkarte neu zu zeichnen und die Verbrechen der Vergangenheit ins Bewusstsein einer neuen Generation einzuschreiben. In der diesjährigen Sommerretrospektive des Wiener Filmarchivs im Augarten und Imperialkino, Cine Latino , bildet El Viaje eine Art enzyklopädischen Schlusspunkt: Mit über 120 Filmen aus verschiedensten Ländern, ergänzt noch um Arbeiten europäischer und amerikanischer Autoren, ist der Begriff des lateinamerikanischen Kinos darin sehr grob gehalten. Zu vieles steht da ohne klaren Kontext nebeneinander, als dass man sich ein einheitliches Bild machen könnte. Die gezeigten Beispiele reichen denn auch von den revolutionären Anfängen des brasilianischen "Cinema novo" eines Glauber Rocha ( Deus e o Diabo na Terra do Sol ) oder Nelson Pereira dos Santos ( Vidas Secas ) der 60er-Jahre, über Filme aus der Phase der Militärdiktaturen bis hin zur Gegenwart eines Kinos, das sich an einen internationalen Markt anlehnt. Dekadente Gier Aus einer gänzlich anderen Zeit kommt hingegen die Kuriosität Xica da Silva (1976) des brasilianischen Regisseurs Carlos Diegues, der noch mit zwei späteren Arbeiten vertreten ist: Hauptfigur in der derben Farce in historischem Setting ist eine schwarze Sklavin, die mit ihrer sexuellen Kunstfertigkeit den aus Portugal angereisten Gouverneur dazu bringt, alle ihre Wünsche zu erfüllen, ja sogar die Freiheit zu schenken. Die Beziehung von Herr und Dienerin, geeint in ihrer (Raff-)Gier, mündet unweigerlich in Dekadenz, ohne dass jedoch die Machtverhältnisse je ernsthaft infrage stünden - Diegues entwirft die Geschichte der Kolonisierung als karnevaleske Boulevardkomödie, in der alles Handeln von Trieben gelenkt wird. Obgleich sich die kämpferischen Formeln eines "Dritten Kinos", das sich gleichermaßen dem industriellen Kino wie dem Autorenfilm westlicher Prägung entgegensetzte, letztlich als kurzlebig erwiesen, zeigen jüngere Filme des Programms nichtsdestotrotz, wie man an einer Auseinandersetzung mit der soziopolitischen Realität festhielt: Etwa Boda Secreta/Heimliche Hochzeit (1989) von Alejandro Agresti, in dem einer der "desaparecidos" - der während Argentiniens Militärregime "Verschwundenen" - parabelhaft wiederkehrt und ihm das tragische Liebesschicksal ein zweites Mal widerfährt, oder Miguel Pereiras La deuda interna/Die interne Schuld (1987), ein karger, humanistischer Film um einen Lehrer, der in seinem Schüler einen Wunsch weckt, der ihn schließlich als Soldat in den Tod führt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 7. 2001)