Mönche in roten Kutten sitzen sich in Reihen gegenüber, rezitieren Sutras und verbreiten eine fröhlich-andächtige Atmosphäre. Herbranziger Buttergeruch vermischt sich mit süßlichen Schwaden aus Räucherstäbchen in der buddhistischen Klosteranlage Ganden in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator. In ihrem 1834 erbauten goldüberdachten Haupttempel meditieren sie vor einem mit Löwenstickereien geschmückten Thronsessel. Aber schon lange ist der Sessel verwaist. Das soll sich in wenigen Wochen ändern. Der auf Druck Pekings immer wieder hinausgeschobene Besuch des Dalai Lamas, des religiösen Oberhaupts des tibetischen Buddhismus steht vor der Tür. Im August, spätestens im Frühherbst, wird er erwartet. Fünfmal seit 1978 kam der Dalai Lama schon nach Ulan Bator, zuletzt 1995. Jedes Mal bewirkte sein Besuch einen Aufschwung in der Verbreitung des Buddhismus. Rund drei Viertel der 2,4 Millionen Mongolen bekennen sich zu dieser Religion - einschließlich des seit einem Jahr amtierenden Premiers Nambaryn Enkhbayar, Vorsitzender der aus den Kommunisten hervorgegangenen Mongolischen Revolutionären Partei. Sozialdemokrat in der Art Tony Blairs Der heute 43-jährige, perfekt englisch sprechende Premier versteht sich als moderner Sozialdemokrat in der Art Tony Blairs. Zuallererst ist er aber Mongole. Er entdeckte seine Wurzeln im Buddhismus wieder, als er vom Schicksal seines Urgroßvaters erfuhr. Der pilgerte einst als Lama nach Tibet und wirkte später in Ulan Bator als Arzt. Unter Stalins Terror, dem mehr als 100.000 Mongolen zum Opfer fielen, wurde der Arzt 1933 verschleppt und von den Sowjets ermordet. Aus der Familie überlebte die Tochter, die spätere Großmutter des Premiers. 1982 wurde Enkhbayar heimlich Schüler eines Lamas. "Ich sehe mich heute als Buddhisten." Seine Gefühle für den Lamaismus werden von Peking schon lange misstrauisch beobachtet. Parteichef Jiang Zemin unterstellt dem seit 1959 im indischen Exil lebenden Dalai Lama, Tibet abspalten zu wollen, ein Vorwurf, den dieser bestreitet. Angesichts des mächtigen Nachbarn Chinas und dessen Hass auf den Dalai Lama wandelt der mongolische Premier auf gefährlichem Terrain. "Wir bemühen uns, unserem Nachbarn zu sagen, dass es um die Gefühle unserer Buddhisten geht. Ein Besuch seiner Heiligkeit ist kein Akt der Politik und auch nicht gegen China gerichtet. Wir sind in der Lage, staatliche Angelegenheiten und religiöse voneinander zu trennen." Furcht vor der religiösen Botschaft Peking befürchtet weniger die politische als die religiöse Botschaft, die von einem Dalai-Lama-Besuch in der Mongolei ausgehen würde. Er würde nicht nur Tibeter und die Exiltibeter in Indien in ihrem Glauben an den Dalai ermutigen, sondern auch auf die vielen Buddhisten in der zu China gehörenden Inneren Mongolei ausstrahlen. Freunde schafft sich Peking in der um strikte Neutralität zwischen Russland und China bemühten Mongolei damit nicht. In der Frage ihrer freien Religionsausübung sind die Mongolen gebrannte Kinder aus den Zeiten der Verfolgung. 1921, vor der Revolution, lebten noch 120.000 Mönche in der Mongolei, 15.000 davon allein in den drei größten Tempeln. Alle diese Tempel wurden geschlossen und bis auf sechs zerstört. Größter Kupferbuddha 1938 eingeschmolzen 1944 durfte nur die Klosteranlage Ganden mit elf Mönchen auf Geheiß Stalins wiedereröffnet werden. Er kam dem Wunsch seines Generals Rogossowki nach, der die Soldaten der Mongolei damit für Stalins vaterländischen Krieg motivieren wollte. 1938 hatten sowjetische Truppen aus Ganden den größten Kupferbuddha der Welt demontiert und einschmelzen lassen. Die buddhistische Gemeinde ließ nach 1990 einen neuen, fast 28 Meter hohen Kupferbuddha errichten. Für den Dalai Lama wurde in Ganden in den Achtzigerjahren wieder sein Thronsessel neu erbaut. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.7.2001)