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foto: apa/schmidt
Gmünd - "Sehr viel Skepsis; aber auch versteckte Hoffnung." Auf diesen Punkt bringt Rainer Newald, der Leiter des Informationsbüros der Bundesregierung, die Diskussion mit der Bevölkerung beim Start der "Österreich-Plattform" am Montag in Gmünd. Die "Dauerbrenner", die das Publikum auf dem Hauptplatz in der niederösterreichischen Grenzstadt im Zusammenhang mit den osteuropäischen Beitrittskandidaten bewegten, waren der Streit um das tschechische Atomkraftwerk Temelin und um die Benes-Dekrete sowie der Angst vor dem Arbeitsplatzverlust. Die Veranstaltung in Gmünd ist der Auftakt zu einer Reihe weiterer Informationsveranstaltungen der Bundesregierung zur EU-Erweiterung, die demnächst auch in anderen Bundesländern stattfinden werden. "Solange das Kernkrafwerk Temelin nicht stillgelegt ist, können wir das Energiekapitel (bei den EU-Beitrittsverhandlungen mit Tschechien) nicht abschließen", betonte der freiheitliche Umweltsprecher, Nationalratsabgeordneter Gerhard Fallent, am "Speakers-Corner" auf dem Gmündner Hauptplatz. Auf dem Hauptplatz haben sich einige Dutzend - vorwiegend ältere - Menschen eingefunden, die auch ihre Ängste vor dem südböhmischen Reaktor zum Ausdruck bringen. Temelin entspreche "nicht dem Stand der Technik", und könne diesen "aus heutiger Sicht" auch nicht erreichen, fügt Fallent anschließend hinzu. Die Drohung mit dem Energiekapitel entspreche der im Nationalrat vereinbarten Vier-Parteien-Entschließung zu Temelin. "Warum haben wir im Waldviertel eine so große Arbeitslosigkeit?", will ein Pensionist aus Gmünd wissen. "Die Zahlen sprechen eine ganz andere Sprache", erklärt die EU-Erweiterungsexpertin der Industriellenvereinigung, Ilse Rein. Gerade das Waldviertel habe in jüngster Vergangenheit hohe Beschäftigungszuwächse erzielt. Insgesamt seien 180.000 neue Jobs in Österreich durch die Ostöffnung entstanden. Die Krise in der Textilindustrie in der niederösterreichischen Grenzregion habe nichts mit der EU-Erweiterung zu tun, legt die Expertin dar. Wettbewerbsfähig könnten in Zukunft nur Unternehmen sein, die auch ein Standbein im Osten haben. "Wir müssen Ja zur Erweiterung sagen", versucht auch Josef Bruckner, Bezirksstellenobmann der Wirtschaftskammer, seinen Mitbürgern in Gmünd klarzumachen. Doch auch er räumt ein: "Manche von uns wird es erwischen." Hauptproblem Nummer Eins sei das starke Einkommensgefälle zu Tschechien, daher sei auch die EU gefordert, neue Programme zur Grenzlandförderung ins Leben zu Rufen, die sich auch auf den Lebensstandard der Kandidatenländer positiv auswirkten. Als auf der Rednerbühne das Stichwort Benes-Dekrete fällt, erzählt ein Sohn eines vertriebenen Sudetendeutschen den Umstehenden, sein Vater sei von den Tschechen mit der Mistgabel verjagt worden. "Die Leute haben sehr viele persönliche Schicksale, die zu einer negativen Stimmung führen", sagt Newald. Dennoch sei auch immer wieder die Hoffnung spürbar, aus der EU-Erweiterung als wirtschaftlicher Gewinner auszusteigen. Versüßt sollte dem interessierten Publikum der Blick auf ein neues Europa im Osten auch durch Volksmusik und kulinarische Spezialitäten werden. So tanzte etwa die tschechische Folkloregruppe Doudleban, während an den Infoständen neben Hochglanzprospekten auch Mohnzelten und Buchteln zu haben waren. Und auf Schautafeln zu den elf osteuropäischen Kandidatenländern waren völkerverbindende Infos vermerkt wie die Tatsache, dass der "Struklji" - eine Art Topfenstrudel - die beliebteste Süßspeise Sloweniens sei und in Ungarn gerne Wein getrunken wird und Fußball Nationalsport ist. Dass Überzeugungsarbeit nicht immer einfach ist, zeigte den Experten ein Zuruf aus dem Publikum: "Glaubts es den Bledsinn wirklich, den ihr do redts?" (APA)