Dili - Als Osttimor 1999 für die Unabhängigkeit von Indonesien gestimmt hatte, musste die 20- jährige Maria Schreckliches durchmachen. Sie wurde Zeugin, wie vandalisierende Milizionäre im Distrikt Suai mindestens 100 Frauen und Kinder ermordeten, die mit etlichen Hundert anderer Flüchtlinge in einer Kirchenruine Schutz gesucht hatten. Zusammen mit den übrigen Überlebenden des Massakers wurde Maria auf Lkws über die Grenze nach Atambua in Westtimor, dem von Indonesien kontrollierten Teil der Insel, verschleppt. Hier, im militärischen Hauptquartier, fielen indonesische Soldaten über sie und mindestens 30 weitere jungen Frauen her und vergewaltigten sie. Als man die jungen Frauen, die, so die osttimoresische Menschenrechtsgruppe 'Fokupers', von den Militärs als Sexsklavinnen missbraucht wurden, eine Woche später zur Bezirkspolizei überstellte, gelang Maria die Flucht. Die Leidenszeit der geschändeten und traumatisierten jungen Frau sowie zahlloser Schicksalsgenossinnen war damit aber keineswegs vorbei. Aus Furcht vor gesellschaftlicher Ächtung hat sie bislang nur ihrer Mutter, einer Schwester und einer Mitarbeiterin von Fokupers über das berichtet, was man ihr vor zwei Jahren angetan hatte. Vergewaltigung gilt in Osttimor als Schande - für das Opfer. Ausmaß sexueller Gewalt Erst seit ein paar Monaten spricht es sich in Osttimor unter den betroffenen Frauen herum, dass sich Hilfsorganisationen ihrer annehmen. Sie bemühen sich, das ganze Ausmaß sexueller Gewalt zu dokumentieren, mit dem pro-indonesische Milizionäre 1999 in Osttimor gewütet hatten. "Dies ist nur die Spitze des Eisbergs", meint die UNHCR- Mitarbeiterin Bjorg Frederiksen, die die Vorkommnisse im Distrikt Suai dokumentiert hat. "Den betroffenen Frauen fällt es ungeheuer schwer, darüber zu sprechen. Schon gar nicht mit der Polizei, auf deren Diskretion sie sich nicht verlassen können. Zumal ihnen in ihrem sozialen Umfeld, in der Familie und der Dorfgemeinschaft Isolation und Ächtung drohen." Vorwurf der Freiwilligkeit Olandina Alves von der osttimoresischen Hilfsorganisation 'Etwave', die sich ebenfalls um traumatisierte Frauen und Kinder kümmert, bekräftigt diese Einschätzung. Während die heimkehrenden Männer als Freiheitskämpfer gefeiert werden, bleiben viele geschändete Frauen weiterhin Bürgerkriegsopfer. Aus Furcht, von ihren Ehemännern verstoßen zu werden, trauen sich viele bis heute nicht nach Hause. Andere wurden von ihren Männern verlassen, die ihnen vorwarfen, sich freiwillig mit den Milizionären eingelassen zu haben. "Vergewaltigung ist in Timor ein großes Tabu, über das in der Öffentlichkeit nicht gesprochen wird", berichtet die Etwave- Beraterin. Man erwarte hier, dass eine Frau unberührt ist, bevor sie heiratet. "Frauen, die nach einer Vergewaltigung durch die Miliz schwanger wurden und ein Kind zur Welt gebracht haben, werden geächtet." Selbst Osttimors Unabhängigkeitsbewegung CNRT machte da lange Zeit keine Ausnahme. Erst als sich internationale und einheimische Hilfsorganisationen um diese Frauen kümmerten, änderten auch die Anführer der CNTR ihre Einstellung. Gezielte Vergewaltigungen Dabei, so die Beobachtung von UN-Ermittlern, hatten die Milizen häufig ganz gezielt die Frauen missbraucht, deren Ehemänner oder andere Familienmitglieder etwas mit der Unabhängigkeitsbewegung zu tun hatten. Während die Männer sich vor den Paramilitärs in die Berge zurückgezogen hatten, waren ihre Frauen in den Dörfern geblieben, um sich um die Kinder und den Hausstand zu kümmern. Als einziger Spitzenpolitiker der Unabhängigkeitsbewegung, so Frauenrechtsaktivistinnen, hat bislang Xanana Gusmao die Notwendigkeit erkannt, den betroffenen Frauen zu helfen. Manchen dieser Frauen ist es inzwischen gelungen, mit finanzieller Unterstützung der Hilfsorganisationen Etwave und Fokupers ein eigenes Kleinunternehmen aufzuziehen. Andere, denen ihre Ehemänner den Rücken stärken, wurden wieder von der Familie und der Gemeinde aufgenommen. Manche bekennen sich sogar zu dem Kind, das sie als Folge einer Vergewaltigung geboren hatten, berichtet Olandina Alves. Keine Rechenschaft Dennoch, so die Beraterin Azinia, die mit Frauen in den Bezirken Suai und Maliana gesprochen hat, ist das Problem noch längst nicht gelöst. Die jungen Frauen fühlen sich weiterhin erniedrigt und gedemütigt. Manche fürchten, dass sie niemals heiraten werden, andere kommen mit ihrer Arbeit nicht mehr klar und haben Schwierigkeiten, selbständig zu leben. Hinzu kommt, dass kaum eine der betroffenen Frauen darauf hoffen kann, dass ihre Peiniger von einem timoresischen Gericht oder einem internationalen Kriegsverbrechertribunal zur Rechenschaft gezogen und bestraft werden. Hilfe, so Maria, sei auch nicht von der UNTAET, der von den Vereinten Nationen in Osttimor etablierten Übergangsverwaltung, zu erwarten. "Weder UNTAET noch irgend jemand sonst hilft mir", klagt sie. Zweimal habe sie UN-Polizisten ihre Vergewaltigung angezeigt, doch diese hätten ihre Anzeige nicht weiter verfolgt. (ips/red)