Leipzig - Es muss schon vor der Wende passiert sein, zu einem von allen verpassten Zeitpunkt, als der gebürtige Mecklenburger Adolf Dresen schon länger im Westen arbeitete und am Schauspiel Frankfurt beziehungsweise an dessen aus dem Ruder gelaufenen Mitbestimmungsmodell spektakulär gescheitert war (1985): Zuerst gab das Theater den Anspruch auf die Umwälzung der Verhältnisse preis. Im Folgenden hängte es den sittlichen Ernst an den Nagel. Belustigte sich an seiner narrenfreien Ohnmacht, schnitt Grimassen und machte Faxen. Es katzbalgte sich mit den Medien um die Diskurs-Hoheit am deutschen Mittagstisch, und rutschte hernach, weil ihm vor seiner eigenen Bewusstlosigkeit insgeheim graute, in das tiefe, schwarze Loch der hausgemachten, lau ausgedachten Krise. Der Regisseur und begnadete Essayist Adolf Dresen hatte zu diesem Zeitpunkt bereits, wie unmerklich, den Rückzug aus den Stadttheatern angetreten. Er belebte Opern mit seiner niemals ermüdenden szenischen Fantasie, darunter auch an der Wiener Staatsoper den Ring . Er stand im Geruch einer Könnerschaft, die mit Unsinn geizte und mit Effekten haushielt. Dergleichen warf man ihm dann vor. Was von Dresen, dem ehemaligen Regie-Jungstar des Deutschen Theaters in Ostberlin, bleiben wird, ist eine noch unabsehbare Menge von philosophischen Schriften. Dieser Mann hat allen Ernstes an einer Widerlegung von Marx' Verelendungstheorie gearbeitet! Er zieh noch zuletzt, bereits von schwerer Krankheit gezeichnet, die Stadttheater der planerischen Bewusstlosigkeit und der gedankenlosen Huldigung des Markts. Der Republik-Flüchtling von 1977 stahl sich vom saueren Erbe des Sozialismus die gleichsam naturwissenschaftliche Widerstandskraft Büchners. Er entdeckte zu DDR-Zeiten im "Fürstenbüttel" Goethe den Citoyen und zahlte seine Einsicht mit der Erduldung von Zensurakten. Im vergangenen Jänner hatte der bereits schwer erkrankte Adolf Dresen den Lessing-Preis des Landes Sachsen erhalten. Dabei würdigte ihn der Schriftsteller Christoph Hein als einen begnadeten Schauspielleiter und vorzüglichen Schriftsteller, einen Traktate schreibenden Philosophen und erstrangigen Regisseur. Jetzt ist Dresen 66-jährig in Leipzig gestorben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15. 7. 2001)