Graz - Sie produzieren bis zu fünf Mal mehr Honig als ihre heimischen Kolleginnen, aber sie sind auch um Vieles angriffslustiger: Die Rede ist von Apis mellifera scutellata, die so genannte "Killerbiene", der seit den späten 50er Jahren rund 600 Menschen in Süd- und Nordamerika zum Opfer gefallen sein sollen. Mit Hilfe von Infrarot-Kameras will der Biologe Gerald Kastberger vom Institut für Zoologie der Grazer Universität nun dem besonderen Aggressionsverhalten dieser Bienenhybridart auf die Spur kommen. Am Ende seiner "Reise zu den Bienen", die der Zoologe dieser Tage antritt, soll auch eine umfassende filmische Dokumentation der folgenreichen, nunmehr rund 45-jährigen Geschichte des Kreuzungsexperimentes stehen. Übertriebene Hysterie um die Biene "Die Hysterie um die Biene, die vor allem im nordamerikanischen Raum entfacht wurde, scheint mir maßlos übertrieben", so Kastberger.Er spricht lieber von einer speziellen "Verteidigungsbereitschaft". Dazu bedient er sich vergleichender Untersuchungen bei unterschiedlichen Honigbienenrassen, die dann das besondere Verhalten der Hybridart herauszeichnen sollen. Das wichtigste Instrument bei diesen Forschungsarbeiten ist die Infrarot-Kamera, die das Gehabe der Bienen in ihren Stöcken, die gezielten Reizen ausgesetzt werden, in Wärmebildern festhält: Je aktiver die Bienen werden, umso mehr Bereiche des Stockes werden in in den Kameraaufnahmen in warmen Rottönen wiedergegeben. Gemessen wird von Kastberger aber auch die Zahl der am Verteidigungsverhalten beteiligten Bienen. Eine Milliarde Völker seit missglücktem Kreuzungsexperiment "Meine bisherigen Untersuchungen an der europäischen Carnica-Rasse aber auch an der asiatischen Riesenhonigbiene Apis dorsata haben gezeigt, dass Bienenkolonien auf Störungen mit unterschiedlichen Strategien reagieren. Im Vorjahr hat Kastberger erste Untersuchungen an Scutellata-Kolonien vorgenommen: In Amazonien hat der Zoologe sein Stativ unmittelbar neben einen Bienenstock aufgestellt. Binnen 15 Sekunden waren tausende Individuen alarmiert und stürzten sich gezielt auf den unmittelbaren "Feind" in Gestalt der Kamera. Für Kastberger bestand keine Gefahr, obwohl er nur rund zehn Meter davon entfernt war. Bei der Carnica-Rasse gebe es dieses gezielt auf einen Massenangriff ausgerichtete Verhalten nur in äußersten Notfällen und wesentlich zeitverzögerter, so Kastberger. Die wortwörtlich "geballte Angriffslust" der "Killerbiene" führe dann auch zu den bekannten Panikreaktionen der Bevölkerung, bei denen auftretende Schwärme sofort ausgerottet werden. Auf seiner Reise auf den Spuren der Bienenhybridart in Süd- und Nordamerika will der Bienenexperte auch die unterschiedlichen Strategien der betroffenen Bevölkerung dokumentieren: "Unter anderem werde ich auch einen Padre im Regenwald Amazoniens besuchen, der einigen Indio-Stämmen den Umgang mit diesen Bienenstämmen lehrt". Ein Treffen wird es aber auch mit dem Forscher geben, der für die Existenz der auf heute auf eine Milliarde Völker geschätzte Hybridrasse verantwortlich ist: dem brasilianischen Genetiker Warwick Estavam Kerr. 1956 - 100 Königinnen einer afrikanischen Bienenrasse nach Brasilien gebracht Kerr hatte im Auftrag der brasilianischen Regierung im Jahr 1956 rund 100 Königinnen einer afrikanischen Bienenrasse nach Brasilien gebracht, um eine neue, ertragreichere Bienensorte züchten. Zu diesem Zweck wollte er die einheimische Honigbiene mit ihrer leistungsfähigeren afrikanischen Artgenossin in der Nähe von Sao Paolo kreuzen. Im Herbst 1957 passierte das folgenreiche Missgeschick: 26 Hybridvölker entkamen in Richtung Dschungel und fanden in der Wildnis ideale Bedingungen, um sich zu vermehren, ihr ausgeprägt verteidigungsbereites Verhalten zu vererben und zu allem Überdruss jährlich rund 300 bis 500 Kilometer nach Norden vorzurücken. 1965 gerieten die Bienen erstmals in die Schlagzeilen, als sie in Rio de Janeiro Menschen angriffen, nachdem ihr Nest zerstört worden war. 1982 überquerten sie den Panama-Kanal, zu Beginn der neunziger Jahre erreichten sie schließlich den Süden der USA. Alle Versuche, den Vormarsch der "Killerbienen" zu stoppen, schlugen fehl. In Mexiko versuchte man vergeblich, durch das Entfernen aller Bienenvölker eine Barriere gegen ihr Vordringen aufzubauen. Auch Experimente, die "afrikanisierten" Königinnen durch zahmere Exemplare auszutauschen und ihren genetischen Code durch die Vermehrung der europäischen Arten abzuschwächen, brachten nicht den gewünschten Erfolg. Resistent gegen Bienen-Parasiten Er betrachte den genetischen Kreuzungsversuch mit großer Skepsis, so der Grazer Biologe Gerald Kastberger, Dennoch könnten die "afrikanisierten Bienen" auch von Nutzen sein: Die Varoa-Milbe bereite dem hybriden Bienenvolk ebenso wenig Probleme wie eine "neue Zeitbombe für die Imker: der afrikanische Kleine Stockkäfer", so Kastberger. Der parasitierende Kleine Stockkäfer (Aetina tumida) legt seine Eier in die Waben von Honigbienen. Wenn die Larven schlüpfen, fressen die die Waben - samt Bienenlarven - völlig aus. Im Gegensatz zu europäischen Bienenrassen haben die Hybridbienen keine Probleme mit ihrem Parasiten: Die Stockkäfer warten bis die stark migrierenden Bienenvölker ausziehen und legen dann ihre Eier in die leeren Waben. Solange die Bienenvölker noch anwesend sind, helfen sie sich mit einer eigenen Strategie: Sie drängen die Käfer an den Rand der Wabe und halten sie dort in einem aus Propolis umrahmten Bereich. (APA)