Cattenom - Im französischen Atomkraftwerk Cattenom an der Mosel reißt die Pannenserie nicht ab. Seit Monaten macht der im deutsch-französisch- luxemburgischen Dreiländereck gelegene Meiler, mit vier Reaktoren und einer Gesamtkapazität von 5.200 Megawatt einer der größten in Europa, immer wieder mit Störfällen von sich reden: "Anomalien" am Kühlssystem, radioaktive Wolken, undichte Brennelemente."Anomalie" am Kühlsystem Im Dezember etwa meldete das AKW eine "Anomalie" am Kühlsystem von Block eins. Techniker hatten festgestellt, dass an einigen Gelenkwellen zur Steuerung einer Sprühanlage kleine Drahtstifte fehlen. Die Anlage dient dazu, bei einem Unfall den überhitzten Reaktor mit Wasser zu kühlen. Ein Versagen kann im schlimmsten Fall zur Kernschmelze und damit zum gefürchteten GAU führen. Der französische Strom-Monopolist EdF freilich sieht das nicht so eng - er stufte die Anomalie auf der sieben Punkte zählenden internationalen Störfallskala (INES) auf Niveau eins ein. Dies hielt selbst die nicht gerade atomkritisch eingestellte Aufsichtsbehörde für Kernanlagen, DSIN, für zu nachsichtig. Sie korrigierte die Einstufung nach oben auf Stufe 2. Radioaktive Wolke Im Februar war eine "leicht radioaktive Wolke" nach Außen gelangt. EdF beruhigte sofort: Auswirkungen auf die Umwelt seien nicht zu befürchten. Als harmlos stellte sich laut Betreiber auch eine "erhöhte Radioaktivität" heraus, die Anfang März zur Evakuierung von 131 Arbeitern geführt hatte. Ein großer Sandhaufen, der für Bauarbeiten gebraucht wurde, habe mit seiner natürlichen Radioaktivität die Geigerzähler zum Ausschlagen gebracht. Schon zwei Wochen später wurde aber erneut ein "sicherheitsrelevanter Zwischenfall" bekannt. Bei Block drei wiesen 31 der insgesamt 193 Brennelementen undichte Stellen auf. Dadurch gelangte aus den mit Uranium-Pastillen bestückten Elementen erhöhte Radioaktivität ins Kühlwasser. Auch ein "Vibrations-Phänomen" sei an den Brennstäben registriert worden, teilte EdF vor einigen Tagen in einem Untersuchungsbericht mit. Eine so hohe Zahl von Anomalien an den Brennstäben sei "ungewöhnlich", wird darin eingeräumt. Die Atomaufsicht ordnete unterdessen "zusätzliche Untersuchungen" an. Auch müsse die Kraftwerksleitung ein "Programm" für die künftige Überwachung des Primärkreislaufs vorlegen. Bis auf weiteres verweigerte die Behörde das Wiederanschalten des Reaktors. Komplikationen gibt es auch mit Block 4. Dort stellten Techniker vor kurzem bei Wartungsarbeiten ebenfalls eine "leicht erhöhte Radioaktivität" im Primärkreislauf fest. Dennoch wurde der Block nicht abgeschalten. Er werde aber "erhöhter Aufmerksamkeit" unterzogen, hieß es. Mit erhöhter Aufmerksamkeit möchte auch der Ministerialbeamte Seilner die Vorgänge im nahegelegenen Atommeiler beobachten. Dies könnte ihm allerdings schon bald erschwert werden. Denn EdF will die bisherige grenzüberschreitende Information zurückfahren. (APA)