Nach der Papierform gehört Dionigi Tettamanzi, Kardinal und Erzbischof von Genua, zu den konservativen Kirchenführern rund um den polnischen Papst. Theologisch ist der Lombarde aus der Region Mailand noch nie vom Kurs seines Pontifex abgewichen. Politisch aber ist Karol Wojtyla selbst eher revolutionär gestimmt. Der Papst ist ein ziemlich radikaler Rüstungsgegner und ein globaler Umverteiler - zugunsten der Dritten und Vierten Welt.

In dieser Haltung übertrifft ihn Tettamanzi seit einigen Tagen. Der 67-Jährige, der sich wissenschaftlich mit Bioethik und Gentechnik beschäftigt, sprach zu zweitausend Katholiken im Theater Carlo Felice über den bevorstehenden G-8-Gipfel und erntete tosenden Applaus, als er seine Rede mit dem Satz beendete: "Die Kirche steht an der Seite derer, die gegen die Perversität dieser Globalisierung kämpfen." Zuvor schon hatte er unter anderem gesagt: "Jedes kranke Kind in Afrika ist mehr wert als das ganze Universum", weshalb es "nur recht und billig ist, die Mächtigen der Welt unter Druck zu setzen". Diesem Auftritt folgte ein Fackelzug durch Genua mit 5000 Teilnehmern.

Sogar in der Kirche selbst wird dem streitbaren Kardinal jetzt vorgeworfen, sich mit den radikalen Globalisierungsgegnern solidarisiert und somit indirekt zum Gipfelsturm aufgerufen zu haben. In den italienischen Medien wird freilich auch ein Kalkül kolportiert: In einem künftigen Konklave hätten die Dritte-Welt-Vertreter eine Mehrheit. Tettamanzi sei in einem idealen Papst-Alter (nicht zu alt und nicht zu jung) und nütze die Chance, dass wieder ein Italiener zum Zug kommen könnte. Außerdem sei er ziemlich machtbewusst.

Ursprünglich hatte er als junger Theologe den Ruf eines Strebers und wissenschaftlichen Eiferers. Erst relativ spät, als 55-Jähriger, wurde der Moral-Professor aus Mailand Diözesanbischof von Ancona. Ab 1991, als er zum Sekretär der italienischen Bischofskonferenz ernannt wurde, betrat Tettamanzi den engeren Kreis um den Papst - was 1995 auch zur Berufung auf den Genueser Bischofsstuhl führte.

Wiederholt bewies er eine Doppelbegabung. (Partei)politisierenden Priestern verbat er jeglichen öffentlichen Auftritt. Andererseits erlaubte er der kommunistischen L'Unità, das Neue Testament als kostenlose Beilage zu verteilen. Tettamanzi, der erst seit 1999 Kardinal ist, gilt einerseits als Anhänger des spanischen Laienordens Opus Dei und des Glaubenshüters Joseph Ratzinger, andererseits äußert sich der Absolvent der Gregoriana in Fragen der Sexualmoral und der Gen-Ethik vorsichtiger und differenzierter als der konservative Pulk unter den Bischöfen.

Sein jüngster Auftritt wird als besonders riskant eingeschätzt, weil zu viel Ehrgeiz den Ambitionen meistens schadet. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.7.2001)