Als Mark Lanegan Solo-Wege einschlug, schien er zuerst nicht mehr zu sein als ein weiterer Vertreter eines bekannten Genres. Sympathisch zwar, aber keine große Überraschung. Zu leicht countryfizierter Gitarre sang er über das Leid, ein Mann zu sein: das Herz voll Liebe, die Hose voller Angst. Selbstzerstörerische Tendenzen als ständige Wegbegleiter, keine anderen Freunde als Johnnie Walker und Jim Beam. Unglückliche "Tätowationen" als Folge eines zeitweiligen Verlusts gesunder Selbstkontrolle. Doch der früher bei der melancholisch durchwirkten Rockband Screaming Trees als Stimme und Naschzeug für eventuelle weibliche Fans beschäftigte Lanegan entwickelte im Laufe der Zeit ein Gespür, seine Stimme in den Mittelpunkt der immer präziseren Produktionen zu rücken. Musste man Scraps At Midnight aus 1998 diesbezüglich noch als zartes Pflänzchen bezeichnen, erblühte dieses auf dem Folge-Album I'll Take Care Of You zu voller Pracht. Mit diesem Album tat Lanegan einen bekannten Kunstgriff: Er interpretierte ausschließlich Material privater Helden und platzierte sich so in einem Bezugssystem. Doch Lanegan coverte diese Song nicht bloß. Mit der Emphase, mit der er seine samtene Stimme (Seufz! Schmelz!) in den Dienst bewegender Songs stellte, machte er diese zu seinen eigenen Babys und kümmerte sich - dem Albumtitel entsprechend zärtlich - um sie. Soulnummern wie Consider Me oder ein früher Gospel von O.V. Wright erfuhren mit warmer Hammondorgel und einem verhaltenen Bass-Saxofon Lanegans Fürsorge. Stücke von Tim Rose, Buck Owens oder James Moreland (Leaving Trains!) adaptierte der auch bei den genialen Stoner-Rockern Queens Of The Stone Age spielende Lanegan genauso wie Carry Home. Eine Ballade des von ihm verehrten Gun Club-Chefs Jeffrey Lee Pierce. Auf seinem nun erschienen Album Field Songs gibt sich der Mann aus Seattle eine Spur spröder. Zwar instrumentiert er neben Beserl-Drums und Akustik-Gitarre auch hier wieder wärmespendend mit einer Orgel. Doch Lanegan ist kein Sonnenkind. Seine nun abgeschnittenen langen Haare geben erbarmungslos den Blick auf die Grausamkeiten des (zwischenmenschlichen) Lebens frei: "I know there's somebody new, much better than me" (...) but don't forget about me", fleht er als verlassener Liebhaber im Herzstück des Albums, Don't Forget Me . Begleitet vom Piano und einer leicht mexikanisch geschlagenen Gitarre spielt sich Lanegan in Herzen wie in offene Wunden und verantwortet so süßen Schmerz. Als Begleitmusiker wirken neben anderen auch Ben Sheperd, ehemals Soundgarden, und Mike Johnson von Dinosaur Jr mit. Zusammen mit I'll Take Care Of You sei Field Songs als zeitlos schöner Doppelpack schwerst empfohlen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 7. 2001)