Wien - "Wenn man über das Leben sprechen will, kann man nicht als Realist davon sprechen", gab Sartre 1966 zu bedenken. Und er bezog sich damit kritisch wie beipflichtend auf die Formbandbreite des Nachkriegstheaters. Dass ausgerechnet jene Arbeiten, die der 43-jährige Theatermacher Jeremy Weller seit 14 Jahren unter der Kennung "Reality Theatre" in die internationale Szene einspeist, dem philosophischen Diktum nicht im Geringsten widersprechen, mag man beim ersten Anschauen nur ungläubig zur Kenntnis nehmen. Denn seine Stücke stellen "reale" Menschen mit ihren "realen" Lebenshintergründen auf die Bühne. Sie heißen Bad, Mad, Glad oder Fourteen Hamlets und zeigen in unangefochtener Eindringlichkeit Existenzkämpfe: von Strafgefangenen, Obdachlosen, psychisch Kranken. Sodass die ob der Drastik mitgenommenen Zuschauer mitunter ein beherztes "Stop it!" rufen. Die Flucht zurück aus der Kunst, die ihm heute einfach zu "schön" geworden ist ("Peter Stein: sehr ästhetisch, aber was hat das mit mir zu tun?"), trat der in Edinburgh sesshafte Engländer schon während seiner Zeit am renommierten Londoner Goldsmith-College an. Sie lenkte ihn mit der Gründung des "Grassmarket Project"-Theaters 1990 aber nicht, wie oft behauptet wird, hin zur puren Realitätsabbildung: "Mich interessiert nur Kunst! Doch ich möchte so weit wie möglich das Leben an die Kunst heranbringen. Ich sage ja nicht" - und er holt armkreisend tief Luft für ein demonstrativ heuchlerisches Gesäusel - "it's life!, it's life!, it's life!" Der Anti-Brecht Das sagt er freilich schon, glaubt auch an die Wirkung des "Authentischen" oder die Verwertbarkeit von Gefühlen, die eine Wahrheit behüten, ("Ich bin das extreme Gegenteil von Brecht!"), jedoch ausschließlich im künstlerischen Kontext: "Ich bin keine Therapeut!" Seit seine "authentischen" Produktionen beim Edinburgh-Festival regelmäßig Fringe-Preise abräumen, werden sie weltweit gezeigt. Wien hat bisher, ein letztlich nicht realisierter Festwochen-Versuch Klaus Bachlers ausgenommen, darauf verzichtet. Jetzt aber weilt Weller, auch graduierter Philosoph, in Wien, um mit Studierenden der Schauspielschule Ingrid Sturm ein solches "Stück aus dem Leben" zu entwerfen: In Play sieht man Schauspielschüler, die spielen, vortäuschen und - sie selbst sind. Und nicht nur, weil er die Stadt Wien und die "leisen" (!) Österreicher mag, steht zu hoffen, dass dies kein einmaliges Gastspiel bleibt: Mit den "tollen Typen" vom Wiener Schauspielhaus, Airan Berg und Barrie Kosky, überlegt er eine Produktion zum Thema "Rechtsextremismus". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 7. 2001)