Am Dienstagabend wurden selbst jene nervös, denen das Wort "Eskalation" im Zusammenhang mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt längst auf die Nerven geht: Für eine kurze Zeit schien es so, als würde die israelische Rückeroberung des Westjordanlands, das heißt der Teile davon, die zur palästinensischen Autonomie gehören (Zone A), kurz bevorstehen.

Auf die Elimination von vier Hamas-Aktivisten in Bethlehem, von der Israel übrigens indirekt selbst sagt, dass sie nicht mit dem Selbstmordattentat in Binjamina am Montag in Verbindung stand, folgte der palästinensische Beschuss des jüdischen Viertels Gilo in Ostjerusalem (für die Palästinenser eine Siedlung auf ihrem Land) erstmals mit Mörsergranaten - wieder einmal die Überschreitung einer "roten Linie", denn vorher waren es "nur" Gewehre gewesen, und die letzten Wochen, sogar Monate hatte in Gilo relative Ruhe geherrscht.

Daraufhin wurden Dienstagnacht die israelischen Truppen um Jenin und Bethlehem verstärkt, offensichtlich auf alleinige Initiative des rührigen Generalstabschefs Shaul Mofaz. Amos Harel formulierte es in der gestrigen Haaretz überspitzt: Und Ministerpräsident Ariel Sharon wachte in der Früh auf und entdeckte zu seinem Entsetzen, dass er drauf und dran war, in die Zone A einzumarschieren.

Tatsächlich beherrschte die Spekulation, was Sharon in dieser Beziehung vorhaben könnte, zuletzt alle Nahost-Kommentare, von der Wiederbesetzung der palästinensischen Autonomiegebiete bis zur Beseitigung - wie auch immer man es anstellt - von Autonomiechef Yassir Arafat. Sharon bleibt auch nach den Ereignissen von Dienstag dabei: Israel habe keine Pläne, eine Offensive zu starten. Tatsächlich würde sie nicht nur nicht von der internationalen öffentlichen Meinung, sondern auch von der israelischen kaum unterstützt - abgesehen von allen anderen Unwägbarkeiten. Falls Mofaz mit seiner (gedeckten oder ungedeckten) Aktion der palästinensischen Führung jedoch eine Rute ins Fenster stellen wollte, so ist ihm das wohl gelungen: Die Panik soll groß gewesen sein, die Aufrufe von palästinensischen Führungspersönlichkeiten an Hamas und Djihad, sich an die angebliche Waffenruhe zu halten, werden häufiger.

Für Optimismus gibt es dennoch wenig Grund. Tatsächlich haben die Geplänkel und die ernsthaften Gefechte in der vergangenen Woche beträchtlich zugenommen. In Binjamina wurde der Kleinkrieg wieder auf israelisches Territorium getragen, und es ist heute ziemlich klar, dass die "Makkabiade" Ziel von palästinensischem Terror werden sollte. Die palästinensischen Angriffe auf die Siedlungen im besetzten Gebiet werden ohnehin nicht aufhören. Und zum ersten Mal wird von Israel die Existenz eines aus jüdischen Siedlern bestehenden Überfallskommandos im Westjordanland zugegeben, das nichts mit Selbstschutz zu tun hat.

Fast pathetisch klingt in diese Vorhölle hinein der Aufruf der Außenminister der G-8 an Palästinenser und Israelis von Donnerstag, sich an den Mitchell-Plan mit seinen drei Stufen - Waffenruhe, Vertrauensbildung, Gespräche - zu halten, und die Empfehlung der Entsendung von internationalen Beobachtern, von denen man weiß, dass Israel sie nicht akzeptieren wird, auch wenn sich offensichtlich die USA der europäischen Auffassung angeschlossen haben.

Ein kleiner Trost ist nur das Gerücht, dass zwischen europäischen und amerikanischen Experten jetzt versucht wird, eine Kommission auszuarbeiten, an die Klagen über Waffenstillstandsverletzungen der jeweils anderen Seite zu richten wären (nach dem Modell der Kommission, die früher im Südlibanon die dortigen Vereinbarungen zwischen Hisbollah und Israel überwachte). Der Sinn einer solchen Instanz wäre es, den Mechanismus zu durchbrechen oder zumindest zu verzögern, der nach der jetzigen Logik nach jeder Tat eine sofortige Reaktion erfordert. Das ist wenig, aber wem fällt etwas Besseres ein? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.7.2001)