Es geht um das Zugreifen des Schwulen Blicks. Er liefert Bilder von seltener Qualität: könnte man für eine Kamera sagen oder am Zentrum für die Geschlechtsorientiertheit literarischer Ästhetik an der Universität Siegen hören. Und zwar Bilder vom Markt auf der Piazza Vittorio Emanuele in Rom, Bilder vor den Toren des Vatikans, Bilder aus der Stadtbahnlinie Circolare und Bilder von da und dort. So eindrucksvoll wie in der Sprachgestalt dieser Erzählung und wie in ihrer Handlung der Junge Piccoletto wurde noch kaum einmal eine Menschen-Natur auf den Markt gebracht und vor die Kirche und fertig gemacht. Dem Leser dringt das gestockte Blut ans Herz, wird flüssig, macht fühlen. Wie das gestockte Blut des Heiligen Gennaro, in Neapel in einer Phiole bewahrt, sich Jahr für Jahr einmal verflüssigt, so gibt Winkler den Natura-Morta-Tableaux des Alltags Leben. Der Tod Piccolettos, der Tod des Schönen, wirkt umso gewaltsamer. Der Fischhändler Principe erbricht, erbricht wirklich seinen Schmerz: eine Winklersche Verklärung des Schönen. Es ist naturgemäß, dass das Leben und die Liebe in der Marktwelt bürgerlich unappetitlich in Erscheinung treten. Doch es weinen die Marktfieranten und die Götter und Göttinnen alle, "dass das Schöne vergeht, dass das Vollkommene stirbt" - so F. Schüller in einer Totenklage aus 1799. Es geht für den ungebildeten Leser - seine Leselust steigert der Text sofort zum Lesezwang - um Allgemeinbildung. Denn es gehört heute zu ihren Minima, über unsere geltenden Geschlechterkonstruktionen mehr als andeutungsweise und über das erlebte Unbehagen und über die erlesene Brutalität hinaus Bescheid zu wissen. Natura morta ist, im Sinn der Geschlechter-Bilder, Bildungsliteratur. Daher geht es für den gebildeten Leser um alles: wo sonst wird seinem Vorstellungsdrang so viel mit Dreck oder Wasser versetztes Blut vorgeschüttet, das grad noch in Adern zum Leben geordnet gepulst hat; wo sonst wird dem Leser, meist auch ein Esser, sein Essen aus so vielen Abfällen von Gedärmen, Knochen, Glitsch, Fischköpfen und jedem Gestank herausgehoben, wo sonst, als in diesen BLOW UPs von Details in Winklers Natura morta . Wo werden so viele saftige Feigen jetzt angebissen, wo die Verderblichkeit allen Vorrats so deutlich, wo die Gegenwart so selbsttätig gegenwärtig: die kleinen verborgenen Blicke des Triebs tun, was sie wollen, und schlüpfen überall hin. Der Blick des Priesters vor dem Vatikan - wo ein Mann ohne Unterleib herumrutscht - eilt haltlos in die kurzen Hosenröhren eines sitzenden Mädchens. BLOW UP, herausvergrößern, aufblasen - das ist hier zu viel gesagt, obwohl die Blow-up-Metapher als viel sagend gewählt wird. Wo geht es so herzlich zu - denn es geht in diesem insgesamt Toten um Liebe: um Herzen, in allen Größen, von Rinderherzen bis Hühnerherzen, aus den Verzweigungen der Tierkörper ausgeschnitten, zum Abfall geworfen oder wieder eingesammelt, "schön aufgereiht, wie Bonbons, - den breiteren Teil des Herzens nach oben, den schmaleren nach unten". In solche Vielfalt der Herzen und der andern Leichenteile vertieft, hat Frocio, einer der Fischverkäufer, sein Herz an Piccoletto verschenkt, den Sohn der Feigenverkäuferin - BLOW UP: "der lange, fast seine Wangen berührende Wimpern hatte". Dieser Satz dürfte, in Variationen, an die dreißigmal vorkommen, ein Stehsatz, der den laufenden Text immer wieder aufrichtet. Winkler hat von Kind auf solche ständig wiederholten Text-Trieb-Sätze verwendet. Sie ergeben eine hohe Text-Stabilität. Dazu schleust er, seit jeher, bestimmte Erfahrungsbereiche in Leitwörtern wiederholt in seinen Textablauf. So kommt die Erzählordnung in das Chaos des Lebensmarkts. Regelmäßig einsortiert werden die Farbworte, aber auch Bosnier, Marokkaner, Inder, Mulattinnen, Neger(innen), Zigeuner(innen), Klosterschwestern usw., und allen passiert wie ihr was: der weiße Strick ihres Habits "um ihre Hüften" fällt einem "schleimigen Tintenfisch [...] um den Hals", worauf sie ihn aus der "mit Tintenfischen gefüllten Porozellkiste" zurückzieht - auch die Porozellkiste ist ein Leitwort der Stabilisierung nie genau gesagter Bedeutungen, besonders aber sind es die Mini-Kunststoffschnuller, die, einzeln oder in vielfarbigen Schnuller-Büscheln, fast allen Figuren an den Handgelenken, an den Ohren, am Gürtel, um den Hals baumeln. Es handelt sich bei den Kunststoffen um die wahre, uns ansprechende Welt der Gefühle. Ein Händler (oder ist es Gott selbst?) gedenkt seines toten Sohnes, indem er dessen Portrait auf einer Plastikkarte am Hals trägt, auf der, je nach Lichteinfall, die Augen des Sohnes sich öffnen oder schließen - als Kruzifixus-Karten sind sie im Handel. Die Schnuller sind der durchwegs bedürftigen Gesellschaft der Sauger bzw. Säuger nötig. So ist das biologisch, und ist in Plastik repräsentativ wie andere ready-mades in der Kunst. "Ci sono tutti bambini!" fordert die Zigeunerin gegen alle Anmaßungen. Leben als Plaste-Leben ist, wie bei Arcimboldo die Menschen aus Büchern oder aus Kinderleichen, eine Schicht der dichtgestaffelten Schichten von Winklers Naturae Mortae. Was noch? Noch ein BLOW UP, jetzt aber hetero, die Erweiterung der Kampfzone, da der Schwule Blick wirklich für alles etwas mehr kann: Zwischen einer Toilette und einem Andenkenladen vor der Peterskirche sitzt Piccoletto, dem ein großer Kunststoffschnuller über dem Hosenschlitz pendelt, "den er immer wieder in den Mund nahm, um grimassenschneidend daran zu [...] saugen" usw. Dort sitzt auch ein Mädchen in kurzen Hosen. Er starrt ihr in die Hosenröhren. Sie löst - es geht los - Kreuzworträtsel, schaut in seine zu weit geschnittene Unterhose. Bald tändeln die beiden sich Aufmerksamkeiten zu, lutschen an Wasserflaschen. Dann aber entschließt sie sich zum BLOW UP: "das blonde Mädchen [...] fabrizierte den Kaugummi über ihre herausgestreckte Zunge, so daß er an ein über eine pralle Eichel gestreiftes Kondom erinnerte, blies ihn zu einem Ballon auf, bis sich laut krachend die blauen, klebrigen Kaugummifetzen um Mund und Nase legten". Was jetzt? In Winklers Friedhof der bitteren Orangen explodierte, laut krachend für den Leser, der Samen des tunesischen Knaben Omar ins Gesicht des Ich-Erzählers und verklebte ihm die Augen, während ein Mönch die beiden aus dem Klostereingang wies. Jetzt, vor den Toren des Vatikans, wo sich die kurzbehosten Pilger lange Papierhosen kaufen können, in deren Röhren man nicht hineinsieht, ist die Szene entspannt: Fröhlich hilft Piccoletto, kniend, dem Mädchen, "die Kaugummiteilchen von Mund und Kinn zu zupfen". Er zieht den Stadtplan aus ihrem vorderen Hosenbund, nimmt daran Witterung auf, beißt sich die Zunge blutig usw., aber seitenlang! Vierzehn Seiten. Diese Seiten zartester Liebesentwicklung, halt in der Direktheit des Schwulen Blicks, GottseiDank, die schreibt Winkler niemand nach. Dann geht es mittels Ubahn in den Park der Villa Borghese, wo bekanntlich. 14 Seiten braucht bei wahrer Menschlichkeit der Säuger, und die wird hier den jungen Heteros zugebilligt. Am Markt liegen die Dinge komplizierter. BLOW UP: "Frocio wickelte mehrere Fäuste voll Eisflocken, die er zu einem Phallus gepreßt hatte, in Stanniol, hielt das kalte Kultobjekt an seine Hüften und drückte - einen Samenerguß mit einem Kilo Sperma imitierend - die Eisflocken vor dem Sohn der Feigenverkäuferin aus dem Stanniolpapier". Weiter: Frocio verletzt eine Verletzung Piccolettos, "bis der Junge laut vor Schmerz aufschrie und sich aus der Umarmung des dicken Mannes zu lösen versuchte". Frocio schickt Piccoletto um Pizze, ein Platzregen ohne gleichen geht nieder, wäscht den Markt aus, Blitze und ohrenbetäubende Donnerschläge leiten opernhaft den Verkehrstod des Schönen ein. Frocios doch unendlicher Schmerz um Piccoletto verklärt seine hässliche Liebe und damit auch den Geliebten. Er nimmt die blutüberströmte Leiche auf seine Arme und rennt auf den Seiten 76 bis 84 einen wie ungeheuer wirkenden Lauf von antikisch-monumentaler Eindringlichkeit über den Markt, was jeder selber lesen muss. Es ist eine mit sich und dem Tod rasende Pietà, erstmalig in der Kunstgeschichte in vollem Lauf, und zugleich ein homerisches Leichenschleifen über den Markt statt rund um Troja - natürlich, wie immer bei Winkler, auch karikiert: nun erscheint der tote Schöne wie auf dem Vexierspiel der Plastikkarte mit gesenkten und geöffneten Lidern bzw. je einem Lid: "Die langen, nassen Wimpernhaare seines linken, offenen Auges berührten die Augenbraue, die langen, blutverklebten Wimpernhaare seines rechten, geschlossenen Auges berührten seine mit Sommersprossen übersäten Wangen". Letztes BLOW UP: an seiner Stirn hingen "wie die Andeutung einer kleinen unvollendeten Dornenkrone [...] die Chirurgenfäden" heraus. Der Friedhofsbagger schüttet den schönen Blow-up-bugger zu, während Frocio, miauend, das Grab umstreicht. So kurz - kaum hundert Seiten, die Ungaretti-Gedichte incl. - und so klassisch vollendet, dass hier so gut wie nichts darüber gesagt werden konnte.