Die Europäer suchen verzweifelt nach einem Ausweg aus dem Klimadilemma. Weil die EU-Staaten um fast jeden Preis einen Fortschritt bei der Bonner Klimakonferenz erreichen wollen, sind sie zu Konzessionen beim Kyoto-Protokoll bereit, die auf eine weitere Verringerung der ohnehin schon bescheidenen Reduktionsziele hinauslaufen. "Keine Übereinkunft zu haben würde uns weiter zurückwerfen als ein Kompromiss. Wir müssen Kyoto als globales Instrument erhalten", sagte Österreichs Umweltminister Wilhelm Molterer am Freitagfrüh. Die EU-Umweltkommissarin Margot Wallström brachte es auf den Punkt: "Bonn ist eine Rettungsoperation von Kyoto." Kern des Zanks zwischen den EU-Ländern und den anderen Industriestaaten: Wie weit sollen Wälder und andere natürliche Kohlendioxid-Speicher (im Konferenzjargon "Senken") auf die nationalen Klimaschutzziele angerechnet werden? Japan will das Klimaziel viel stärker über Senken erreichen, als im Kompromisspapier des niederländischen Konferenzvorsitzenden Jan Pronk vorgesehen: Japan könnte gemäß der darin enthaltenen Formel zehn Millionen Tonnen Kohlendioxid versenken, Tokio will sich über Wälder und Agrarflächen aber eine Senkung von 13,7 Millionen Tonnen anrechnen lassen. Wird das Pronk-Papier umgesetzt, würde die reale weltweite Kohlendioxid-Reduktion statt 5,2 nur noch rund drei Prozent betragen - was in der Praxis ein Modell von "Kyoto light" wäre. Damit hat der Niederländer die EU überrascht und auch überrollt, die bei der Verwässerung nicht so weit gehen will. Brüssel will zwar Konzessionen, aber nicht um den Preis, die umweltpolitische Integrität aufzugeben. "Wenn wir alle Zugeständnisse machen und Senken ohne Beschränkungen anerkennen, gibt es überhaupt keine Änderung in den Tendenzen der Klimaentwicklung. Damit würde man die Büchse der Pandora öffnen", warnte der EU-Verhandlungschef, der belgische Staatsekretär Olivier Deleuze. Am Rande der Konferenz sorgte kurzzeitig die Haltung Italiens für Verwirrung. Es hieß, nach einer Verständigung mit US-Präsidenten George Bush sei Ministerpräsident Silvio Berlusconi auf Distanz zum Kioto-Protokoll gegangen. "Italien ist absolut auf Linie", sagte Wallström. Abstimmungsbedarf gab es auch zwischen Bonn und Genua, wo die Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industrienationen und Russlands tagten. Der deutsche Umweltminister Jürgen Trittin kündigte am Freitag an, dass eine Entscheidung über ein Ergebnis in Bonn möglicherweise in der italienischen Hafenstadt fallen werde. Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder wolle Japans Premier Junichiro Koizumi zur Zustimmung bewegen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22. 7. 2001)