Die leisesten und die lautesten Stimmen meines Lebens hörte ich im August. Am 12. August des Jahres 1993, in der Salzburger Kollegienkirche, vernahm ich das Schwinden einer Stimme, die über Minuten immer schwächer und schwächer wurde, aber doch eine Stimme blieb, die einen Ton sang, der immer leiser und leiser wurde, aber doch ein Ton blieb, einen Hauch nur über dem Verstummen. Es war dies kein musikalisches Experiment allein, das mit sich und der Probe auf die Wahrnehmungskraft der Zuhörer zufrieden gewesen wäre, sondern zugleich, inmitten einer lärmenden Stadt, ein ergreifendes Erlebnis, das nicht nur mir beschieden war. Vielmehr war es in der Kirche völlig still geworden, nein, nicht völlig, denn die Stimme und ihr Ton klangen noch fort durch diesen hohen Raum, aber über das Publikum wölbte sich im Kirchenschiff vollendete Stille. Keiner, der sich aushusten musste, nichts von diesem Gescharre und Getuschel, Geknister und Gezischel, mit dem sich ein Publikum darüber zu verständigen pflegt, dass es zwar unter sich, aber nicht bei sich ist. Das Lauteste, das die Lauschenden hören ließen, war ihr Atmen, und vielleicht ist es auch anderen an diesem Abend wieder aufgefallen, das eigene Atmen, das wir zumeist nicht hören. Nicht dass es die Aufgabe der Musik wäre, uns therapeutisch an den Atem zu erinnern, aber an diesem 12. August 1993, als "Prometeo" von Luigi Nono aufgeführt wurde, tat sie auch dieses. Was ich noch hörte und sah: Wie viele Leute, begeistert und diszipliniert, zusammenwirken müssen, dass endlich Stille werden kann! Da standen, verteilt in der Kirche, elektronische Kanzeln mit allerlei Gerät, das von Toningenieuren bedient wurde, eine namhafte Zahl von Sängern und Instrumentalisten hatte sich gruppenweise im sakralen Raum verteilt, zwei Dirigenten walteten, alsbald schweißüberströmt, ihres Amtes. Weil sie von allen gemeinsam, als Ergebnis kollektiver künstlerischer Anstrengung, erschaffen wurde, konnte diese Stille beredt werden. Tatsächlich wusste sie von dem Lärm, der in der Welt herrscht, von allen Geräuschen, die es in ihr gibt, vom Gebrüll des Befehls wie dem Schrei des Entsetzens, ja diese Stille wusste auch, dass es eine andere, eine tödliche Stille gibt, die Friedhofsruhe, den politischen Zwangsfrieden, das Totschweigen und Totgeschwiegenwerden. Im Prolog, der in Hesiods gewaltige Kosmographie Sätze aus Walter Benjamins düsterem "Engel der Geschichte" montierte, fragte der kaum vernehmbare Chor nach den verlorenen, unterdrückten, ermordeten Stimmen, nach der Stimme der Verlorenen, Unterdrückten, Ermordeten: "Höre/ Überdauert nicht/ im Echo die Stimme/ Der Verstummten?" Sechs Jahre später hörte ich die lautesten Stimmen. Der "Chor der schreienden Männer" war am Abend des 6. August 1999 angetreten, aus dem Liedgut von Männergesangsvereinen brüllend herauszutreiben, was in jenem gut verborgen ist und von diesen in der Regel notdürftig unterdrückt wird. Die sportlich vornübergebeugten Männer im Frack hatten an der Bühnenrampe des Residenzhofes meist den einen Fuß weit vor den anderen gesetzt, um nicht von der Wucht ihrer Schreie ins Publikum mitgerissen zu werden. Als wollten sie uns Augen und Ohren für die Gewalt öffnen, die tief im Sangesfrohsinn schlummert, schmetterten sie von Waldesruh und Bachesrauschen, und so grimmig brüllten sie die verschiedenen Nationalhymnen, dass in diesen bedrohlich der Donner von Mobilisierung, Ultimatum und Kriegserklärung rollte. Im Chor der schreienden Männer dröhnte der Kitsch der Idylle sich zum stampfenden Marsch aus, und die Hymnen fielen wie von selbst in den Stechschritt. Mit hervortretenden Adern am Hals, rotköpfig vor Anstrengung, brüllten sich beiläufig dreißig Finnen das Gemüt aus dem Leib und die Gemütlichkeit aus dem Volkslied. Und ich musste im Residenzhof merkwürdigerweise an die Kollegienkirche denken; ausgerechnet die Männer, die ihre Stimmgewalt zuchtvoll in einen anarchischen Sprechgesang ballten, führten mich zurück zu Nonos "Prometeo", der mir die Stille hörbar machte. So drang in den August 1999 mit seinen lauten Schreien der August 1993 mit dem leisesten noch hörbaren Gesang, und der "Zeitfluss" bewirkte, was er nicht beabsichtigt hatte, dass ich nämlich die Zeit, die verflossen war, an den Stimmen ermessen konnte, und dass ich meiner persönlichen Zeit, die in die Zeit der Epoche eingebettet ist, dort aber nicht gut liegt, erstaunt wieder gewahr wurde. Kein geringer Vorzug von öffentlichen Aufführungen ist es, dass sie das ästhetische Erlebnis untrennbar mit einer Reihe anderer Seinserfahrungen verbinden. Wer eine Oper nicht bloß auf Tonträger gehört hat, sondern sie alle paar Jahre auf der Bühne erlebt, der weiß um den Effekt: Die frühere Aufführung wird durch die spätere nicht überdeckt, sondern zu neuem Leben erweckt, und mit ihr kehren Stimmungen, Empfindungen wieder, die schon verblasst waren; es ist der Geruch, der Geschmack jenes fernen Abends, den wir neuerlich verspüren, und da sind Träume, Idiosynkrasien, Pläne, von denen wir schon vergessen hatten, wie sehr sie uns damals bestimmt haben. Man achte das nicht für gering. Dass wir in ihr und dank ihr die Einheit unseres zerfallenden Lebens ahnen, macht die Kunst unverzichtbar; subversiv verschwistert sie sich mit Erfahrungen, die außerhalb von ihr liegen, sodass die Erschütterungen, die sie gestaltet und bewirkt, nicht auf ihren Kreis, auf Oper und Bildersammlung, Lektüre, Ballettabend, Theaterloge beschränkt bleiben. Luigi Nono hat ein Künstlerleben lang darüber gegrübelt, wie sich solche Verbindungen von Kunst und Gesellschaft ergeben, mehr noch, wie sie sich herstellen, ästhetisch hervorrufen, politisch nützen lassen und sozial auswirken. Die lautesten und die leisesten Stimmen - Man könnte vermuten, was ich dem "Zeitfluss" schulde, hänge mit einem leeren Extremismus der Formen, mit dem Zwang zur Überbietung zusammen, der eine Strategie der Unterhaltungsindustrie ist und dafür zu sorgen hat, dass das Immergleiche als Sensation erlebt wird. Spektakulär waren manche Veranstaltungen allerdings, aber sie versprachen keine Zerstreuung, sondern verlangten Konzentration. Wäre es den Organisatoren musikpädagogisch indes darum gegangen, ein tumbes Publikum nach und nach an die neueste Musik heranzuführen, dann hätten sie mich und viele andere, die auch musikalisch nicht gerne auf Vordermann gebracht werden, gewiss nicht gewonnen. Sie wären uns als Flussherren verdächtig gewesen, deren Musik wir in Salzburg getrost ungehört verrauschen hätten lassen. Der "Zeitfluss" bot anderes als eine Einschulung in die Avantgarde, doch was das eigentlich war, ist schwer auf den Begriff zu bringen. Mit "Fest" ist es zu ungenau bezeichnet, zumal heute jeder populistische Anlass, der einen telegenen Festredner findet, kulturpolitisch als Fest oder Festival bilanziert wird; "Aufbruch" ist zu pathetisch und schon deswegen untauglich, weil sich neuerdings politische Bewegungen, die den Rückschritt propagieren, mit dem Versprechen des Aufbruchs bewerben; "Utopie" wiederum ist zu allgemein gehalten, gefiele mir aber schon besser, hat der "Zeitfluss" doch heftig wider das Verbot verstoßen, das mittlerweile über die Utopie verhängt ist (ein Verbot, das erlassen wurde, damit wir uns weder an die Hoffnungen von gestern noch an ein Bild der Zukunft erinnern mögen, in der die Menschheitsgeschichte nicht nach dem Dow-Jones-Index bemessen wird); "Wahrnehmungsexperiment" schließlich, obwohl es immer wieder auch darum ging, suggeriert eine institutionelle Nähe zu Zuchtanstalten, interne Abteilung für Hörerfahrung bei neuen Klängen, und vertuscht damit, dass es beim "Zeitfluss" höchst lebendig zuging. Ja, lebendig; vielleicht kann man es also auch viel einfacher sagen: Mit dem "Zeitfluss" wurde die neueste Musik in Salzburg lebendig, sie trat aus dem halb leeren Konzertsaal, in dem sich eine Gemeinde der Unentwegten versammelt hatte, ging unter die Leute und hat sich, weil sie keine Warntafel "Vorsicht, Avantgarde!" vor sich hertrug, ein Publikum geschaffen, das nicht aus lauter Connaisseurs bestand, sondern aus Leuten wie mir; aus Leuten, die nicht schon von klein auf mit neuester Musik aufgewachsen sind und nicht gerade für sie leben und kämpfen, wohl aber mit ihr eine neugierige Beziehung unterhalten möchten. Und die sich mancher Spanne ihres eigenen Lebens genauer und sinnlicher auch dank jener Erlebnisse erinnern werden, die sie dem "Zeitfluss" verdanken. (Album/DER STANDARD, 21/22.Juli 2001)