Niassa, mein Arbeitsplatz, liegt in der trockensten, am dünnsten besiedelten und abgelegensten Provinz Mosambiks, die oft auch "Sibirien von Mosambik" genannt wird. Niassa ist eine kleine Stadt an der Grenze zu Malawi. Ich arbeite hier in Gesundheitszentren mit zwei Krankenschwestern. Eine ist für die ambulanten Patienten zuständig und die andere für die stationären Patienten. Das Gebäude des Gesundheitszentrums ist nicht sehr groß und überbelegt.

Ein Raum wird als Kinderabteilung genutzt. Darin vier Betten, in jedem mindestens zwei Kinder mit Infusionen und am Boden drei oder vier Matratzen für weniger ernste Fälle. Und natürlich sämtliche Familienmitglieder.

Ein weiterer Raum ist für Erwachsene in Verwendung, ebenfalls mit vier Betten und ein paar Matratzen am Boden. Manchmal müssen wir die Patienten wegen Platzmangels im Freien neben dem Krankenhaus unterbringen. Die meisten der Patienten sind Kinder, die an Malaria, Anämie und Unterernährung leiden. 90 Prozent der Erwachsenen sind Aidspatienten im Endstadium, die auch Tuberkulose haben. Ein sehr, sehr trauriger Anblick.

Die Einhaltung grundlegender Hygienevorschriften ist unter diesen Bedingungen sehr schwierig. Ich weiß nicht, wie oft am Tag ich dem Gesundheitspersonal erklären muss, wie wichtig Händewaschen und der Einsatz von Handschuhen sind. In einem Land mit einer extrem hohen HIV-Rate ist das essenziell.

Mit der Zeit haben sich die lokalen Angestellten und ich aneinander gewöhnt. Die Ar-beit ist für sie sehr anstrengend: Sie müssen 48 Stunden ohne Pause und oft ohne Bezahlung arbeiten. Vielleicht ertragen sie es aufgrund ihrer unglaublichen Geduld. Der wichtigste und häufigste Satz hier lautet: Frau Doktor, Geduld, Geduld, Geduld. Die letzte Visite in den Abteilungen gehört zu den traurigen Erinnerungen, weil ich sah, in welchem Zustand ich das Krankenhaus zurücklassen musste. Unter den Erwachsenen nur Aidspatienten; von den Kindern litten viele an Unterernährung, die wahrscheinlich auch auf Aids zurückzuführen war.

Ich muss daran denken, was die Menschen hier in Mosambik die ganze Zeit zu mir sagten: Sei nicht traurig, Geduld, es wird schon gehen. Aber das stimmt so nicht: Wir müssen etwas tun, wir müssen ihnen helfen, die Zeitbombe Aids zu entschärfen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.7.2001)