Bozen - Neue Erkenntnisse über die Gletschermumie "Ötzi" sind am Mittwoch im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen präsentiert worden: Röntgenuntersuchungen haben gezeigt, dass der Eismann von hinten angeschossen worden ist. Dabei sei im linken Schulterbereich eine Pfeilspitze entdeckt worden, erklärten die verantwortlichen Wissenschafter bei einer Pressekonferenz in Bozen. Durch diese Entdeckungen werde die Geschichte des Fundes teilweise neu zu schreiben sein. Die Waffe Auf computertomographischen Aufnahmen sei die Form einer Pfeilspitze deutlich erkennbar, betonte der Primar des Krankenhauses Bozen, Paul Gostner. Im linken Schulterblatt sei außerdem ein "ovales, etwa zwei Zentimeter großes Loch" zu sehen. Aufgrund der Form, Größe, Materialdichte und seiner Oberflächenbeschaffenheit könne der Fremdkörper eindeutig als "Silex-Pfeilspitze" (Silex ist ein Feuerstein) identifiziert werden, sagte der Konservierungsbeauftragte, Primar Eduard Egarter Vigl. Die Waffe sei schätzungsweise fünf bis sieben Zentimeter tief in den Körper eingedrungen, erklärte Egarter Vigl. Lebenswichtige Organe dürften dabei aber keine getroffen worden sein, da der Pfeil in einer Entfernung von etwa zwei Zentimetern von der Lunge im Weichgewebe stecken geblieben war. Möglicherweise habe die Verletzung eine Lähmung des linken Armes bewirkt, da sich im Zielbereich der "Silex-Spitze" ein Gefäß-Nervenbündel befinde. Der Tathergang Die Befunde würden darauf schließen lassen, dass die Gletschermumie von hinten mit einem Pfeil angeschossen worden war, betonte Egarter Vigl. Nach einer Analyse des "Stichkanals" habe sich der Schütze links hinter dem Eismann, in einer "etwas niedereren Standposition", befunden. Die kleine Hautwunde beim Schulterblatt sei bisher unter der Eisschicht unentdeckt geblieben. Die Wunde zeige einen glatten oberen und einen ausgebuchteten, "fast ausgefrästen" unteren Rand, führte der Konservierungsbeauftragte aus. Die Pfeilspitze befinde sich zwischen dem linken Schulterblatt, den Rippenbögen und dem Schultergelenk. Aus den neuen Erkenntnissen ließe sich "eine Reihe von Schlussfolgerungen" zur Todesursache des Eismannes ziehen, betonte Egarter Vigl. Der Wissenschafter erhoffte sich unter anderem Aufschlüsse hinsichtlich der Motive, die Ötzi zum Aufsteigen in die "unwirtlichen Regionen" des Hauslabjoches bewogen haben könnten, sowie über die Lage des Körpers und des Armes. "Es werden neue, konkretere Versuche gemacht werden, seine Rolle in der damaligen Gesellschaft zu charakterisieren und seine letzten Stunden zu rekonstruieren", sagte der Primar. Der Hintergrund Der "Mann aus dem Eis" war vor rund zehn Jahren, am 19. September 1991, am Hauslabjoch gefunden worden. Über sechs Jahre lang war der 5.300 Jahre alte Fund im Anatomischen Institut Innsbruck unter gletscherähnlichen Bedingungen in speziell konstruierten Kühlzellen untergebracht worden. Im Jänner 1998 war Ötzi ins Archäologiemuseum nach Bozen überstellt worden. (APA)