Berlin - Die Berliner Kultursenatorin Adrienne Goehler ist nicht zu beneiden. Die neuen Verträge mit Daniel Barenboim und Sir Simon Rattle sind noch nicht unterschrieben, da droht schon wieder ein anderer Stardirigent damit, der Hauptstadt den Rücken zu kehren: Kent Nagano, seit einem Jahr Chefdirigent des Deutschen Symphonie- Orchesters (DSO). Es geht um Kompetenzen für die künftige Intendantin der Rundfunk-Orchester und Chöre GmbH, Bettina Pesch, bisher Verwaltungsdirektorin der Leipziger Oper, die Nagano als Bedrohung seiner künstlerischen Leitung ansieht. Nagano wird ebenso wie sein gerade wieder in Bayreuth reüssierender Kollege Christian Thielemann von der Deutschen Oper Berlin zusammen mit Barenboim und Rattle zu den Juwelen des musikalischen Lebens in der Bundeshauptstadt gezählt, die sich gerne auch als Klassik-Metropole sieht. Die aber tut sich schwer, wenn es um die Details in den Verträgen der Musikerstars geht. Da ist nicht nur von finanziellen Dingen die Rede, sondern auch von Kompetenzen, Verantwortungsbereichen und Machtfülle. Thielemann hatte deswegen schon seine Position als Generalmusikdirektor an der Seite des neuen Opernintendanten Udo Zimmermann in Frage gestellt, auf Drängen des damaligen Kultursenators Christoph Stölzl (CDU) aber offenbar ausreichend Zugeständnisse zum Bleiben erhalten. Aber auch hier ist vermutlich das letzte Wort noch nicht gesprochen, da Thielemann sich nach wie vor an der jährlichen 3,5- Millionen-Mark-Zuwendung des Bundes an Barenboims Staatskapelle reibt, die in seinen Augen eine klare Benachteiligung seines Orchesters bedeutet. Goehler wiederum machte noch vor ihren Gesprächen mit Thielemann in Bayreuth deutlich, dass sie nicht daran denkt, "Geschenke des Bundeskanzlers zu kompensieren". Auch Simon Rattles Zukunft als Nachfolger des schwer kranken und 2002 aus dem Amt scheidenden Claudio Abbado an der Spitze der Berliner Philharmoniker - dessen freiwilliger Rückzug im übrigen ein einmaliger Vorgang in der traditionsreichen Geschichte des "deutschen Nationalorchesters" ist - stand noch bis vor kurzem auf der Kippe. Da wurde um jedes Wort gerungen in den Paragrafen des neuen Stiftungsgesetzes für die Philharmoniker, das ihnen größere Freiheiten als bisher einräumt. "Dirigent des Jahres 2001" Jetzt kämpft auch Nagano um eine Vorrangstellung seiner Musiker im allein schon quantitativ beachtlichen Reigen der Berliner Klangkörper mit sieben großen Konzert- und Opernorchestern, wohl einmalig in der Welt in einer einzigen Stadt. Der Grammy-Preisträger, der von US- Kritikern zum "Dirigent des Jahres 2001" gekürt wurde, hat es geschafft, auch mit ungewöhnlichen Projekten und Konzertprogrammen neue Publikumsschichten zu gewinnen. Am 1. Juli trat er ferner die Stelle des ersten Chefdirigenten an der Los Angeles Opera bei Placido Domingo an. Dort soll er eine Neuinszenierung von Richard Wagners "Ring des Nibelungen" dirigieren. Die Regie übernimmt Peter Mussbach, mit dem Goehler gerade Verhandlungen als neuer Intendant an Barenboims Seite führen will. Der aus den USA stammende Kosmopolit Nagano war neun Jahre Musikdirektor im französischen Lyon, fühlt sich wohl in Paris und lebt gerne in London. "Aber nirgends habe ich so ein Heimatgefühl empfunden wie in Berlin." Dort ließ er den Verantwortlichen nun einen ultimativen Brief mit seinen Forderungen zum Verbleib in Berlin auf den Tisch flattern - sein Vertrag läuft bis zum Jahr 2003. (APA)