Seoul/Wien - Mit der "Sonnenscheinpolitik" verhält es sich so: Als Kim Dae Jung 1997 im Präsidentschaftswahlkampf stand, erzählte ihm ein Berater Äsops Fabel vom Wettstreit zwischen Sonne und Wind, und Kim hatte plötzlich eine Formel für seine Koreapolitik.

Sonne und Wind, so heißt es in der Fabel, waren eines Tages in Streit geraten, wer der Stärkere von beiden sei, und schlossen eine Wette ab: Sieger sei, wer einen Wanderer von seinem Mantel befreien könnte. Der Wind trat an, blies und stürmte, doch der Wanderer klammerte sich umso fester an den Mantel. Dann kam die Sonne hervor, wärmte den Wanderer, und bald schon zog der seinen Mantel aus.

Starrsinn zahlt sich nicht aus, war fortan die Devise von Kims Politik der Annäherung an Nordkorea. Freundliche Si- gnale aus Seoul würden über kurz oder lang das Eis in Pjöngjang zum Schmelzen bringen. Doch mit dem Misstrauensvotum gegen seinen Vereinigungsminister Lim Dong Won am Montag und dem logischen Rücktrittsange- bot des Kabinetts am Dienstag hat Kims "Sonnenscheinpolitik" gegenüber Nordkorea ihre Grundlage verloren. Selbst Kims Koalitionspartner glaubt nicht mehr an das jüngste Gesprächsangebot aus dem Norden.

Dilemma seit Jahresbeginn

Die Regierungskrise hat ein Dilemma offen gelegt, das Kim Dae Jungs Amtsführung seit Jahresbeginn belastet. Der Präsident sei besessen von der Idee der Aussöhnung mit dem Norden, sagt die wachsende Zahl seiner Kritiker, er kümmere sich nicht um die erlahmende Wirtschaft und er habe seine Amtszeit nicht genutzt für die versprochenen Reformen im Bildungs- und Gesundheitswesen. Drei Treffen zwischen nord- und südkoreanischen Familien konnten Kim und sein Vereinigungsminister arrangieren und einen historischen Besuch bei Nordkoreas Staatschef Kim Jong Il; 300 Millionen Dollar haben Staat und Unternehmen seit Kim Dae Jungs Antritt in den maroden Norden gepumpt, und der Präsident erhielt am Ende den Friedensnobelpreis. Das war vergangenes Jahr - seither steht Kim mit leeren Händen da.

Der Rückzug der USA aus der Koreapolitik - nach demselben Strickmuster wie in Nahost - hat Kim um einen möglichen Erfolg seiner "Sonnenscheinpolitik" gebracht. Ohne Washingtons Druck und Offerte hat sich Pjöngjang in der Vergangenheit nicht bewegt. Der spröde wirkende Kim ist oft mit dem SPD-Kanzler Willy Brandt verglichen worden: ein Demokrat, der lange gegen ein autoritäres Regime kämpfte und im eigenen Land verfemt wurde; ein Staatsmann, der für die Entspannung warb. Brandt warf nach vier Jahren Kanzlerschaft das Handtuch, Kim Dae Jung wird diese Woche ein neues Kabinett vorstellen. Ob Kim am Ende seiner Amtszeit 2002 doch noch als Held dastehen wird, entscheidet nicht mehr er, sondern Washington. (DerStandard,Print-Ausgabe,5.9.2001)