Graz - Die Einführung des Kindergelds wird die Armut in vielen österreichischen Familien nicht alleine bekämpfen können, erklärte der Grazer Finanzwissenschafter Richard Sturn am Mittwoch. Sowohl "aus Gründen der nachhaltigen Armutsbekämpfung als auch als volkswirtschaftlichen Gründen" sei ein Bündel weiterer Maßnahmen "im Bereich der Kindergärten, der Vorschulerziehung und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf notwendiger als zuvor", so der Finanzexperte von der Grazer Universität. Österreichweit sind 245.000 Kinder armutsgefährdet, unter ihnen sind 87.000 Kinder, die von akuter Armut betroffen sind. Armutsforschung in Österreich "Die Armutsforschung ist in Österreich ein wenig ein Stiefkind", so die jüngst graduierte Finanzwissenschafterin Isabella Baumgartner von der Grazer Karl-Franzens-Universität, die die "aktuellen Zahlen" zur Situation der Kinderarmut in Österreich präsentierte. "Das jüngste Zahlenmaterial wurde im Jahr 1997 erhoben, wenngleich es auch erst im österreichischen Sozialbericht in diesem Jahr erstmals publiziert wurde", so Baumgartner. Demnach galten 1997 rund 11 Prozent der österreichischen Bevölkerung als "armutsgefährdet". Unter diesen rund 884.000 Personen befänden sich rund 245.000 Kinder. "Die selben Risikogruppen, die armutsgefährdet sind, sind auch vom Risiko akuter Armut betroffen: 1997 waren es 87.000 Kinder", so Baumgartner. Laut EUROSTAT gelten Personen als armutsgefährdet, deren Pro-Kopf-Haushaltseinkommen unter 60 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens liegt. Dieser Wert betrug 1997 10.000 Schilling monatlich für einen Einpersonenhaushalt und 24.000 Schilling monatlich für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und drei und mehr Kindern. Vom Einkommenseffekt her sei das mit 1. Jänner 2001 zur Verteilung kommende Kindergeld positiv zu bewerten, so Richard Sturn. Es stelle ein partielles Grundeinkommen ohne Erwerbsarbeit dar und erhöhe die Wahlfreiheit der Eltern bezüglich der Entscheidung zwischen häuslicher und außerfamiliärer Betreuung. Wohl aber sei es "gewiss ein Mangel", dass weder die AlleinerzieherInnen noch die kinderreichen Familien überdurchschnittlich gestützt werden. "Fehlende Anreizeffekte" Tendenziell noch ungünstiger seien laut Sturn allerdings die fehlenden Anreizeffekte. "Hier bedarf es dringend flankierender Maßnahmen, um Armutsfallen-Effekte und andere negative Effekte auf Wirtschaft und Gesellschaft möglichst gering zu halten", so der Finanzexperte. So würden aber gerade mit dem neuen Kindergeld Anreize gesetzt, die "in Richtung verminderter Arbeitsmarktteilnahme der Frauen" sowie in Richtung "verminderter Inanspruchnahme vorschulischer Erziehung und Betreuung" wirkten, meint der Wissenschafter. "Armut von Müttern wird am besten bekämpft, wo es sowohl angemessene transferliche Stützungen des Lebensstandards als auch ein vernünftiges Maß der Integration in den Arbeitsmarkt gibt", so Sturn. Der Finanzwissenschafter hob auch die Bedeutung schulvorbereitender Erziehung hervor: Diese sei gerade bei Kindern "dauerhaft von Armut betroffener Schichten als Voraussetzung der Schulfähigkeit und eines günstigen Verlaufs von Bildungskarrieren" empirisch bestens dokumentiert. (APA)