Wien - Der Wachstumsschub in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts habe sich zuerst in den USA und in weiterer Folge auch in Europa in den Leitindizes niedergeschlagen, meinte Prof. Hanns Abele von der Wirtschaftsuniversität Wien im Gespräch mit der APA am Donnerstag. Das Wachstum und die erhöhten Erwartungen hätten es für viele leicht gemacht, sich Kapital zu beschaffen, die Finanzierungsspielräume hätten sich bis hin zu den Haushalten erhöht. Natürlich bleibe die Frage, ob sich auch die realwirtschaftliche Seite entsprechend entwickle. Den Umkehrpunkt solcher Entwicklungen hält Abele jedoch für "schwer zu prognostizieren". Boomphase für "lange gerechtfertigt" Alexander Sikora, internationaler Aktienanalyst der Erste Bank, hält den Anstieg der Kapitalmärkte in der Boomphase für "lange gerechtfertigt". Zuerst hätte es starke Zuwachsraten bei den Gewinnen gegeben, die man vorher noch nie gesehen hatte. Erst gegen Ende des Aufschwungs sei man in der Hysteriephase übers Ziel hinausgeschossen. Das schwächelnde wirtschaftliche Umfeld habe letztlich zu Rückgängen bei den Indizes geführt, ist der Analyst überzeugt. Seiner Ansicht nach, sei der Markt jedoch grundsätzlich nicht in der Lage, wirtschaftliche Abschwungphasen rechtzeitig zu erkennen. Die Teilnehmer wollten die Tatsachen lange nicht wahrhaben, brachte Sikora eine psychologische Komponente ins Spiel. Denn die erste Phase des Rückgangs an den Märkten im Frühjahr 2000 sei auf Inflations- und Zinsängste zurückzuführen, erst ab Herbst hätten die Märkte auf die wirtschaftliche Schwäche reagiert. Dagegen würde der Markt vor einer Erholung mit einem Vorlauf von rund einem Quartal anspringen. Japan hinkt hinterher Die japanische Börse war hingegen nicht in der Lage, den starken Anstiegen der Indizes in den USA und in Europa im vergangenen Jahrzehnt zu folgen und auch die BIP-Wachstumsraten fielen merklich geringer aus. Die Japaner hätten nach dem Platzen ihrer spekulativen Blase nicht wieder Tritt gefasst, meinte Abele. Neben einer Krise im Finanzsektor bestünden Probleme mit den Exporten und auf den angestammten Märkten. Auch sei bei einigen großen Investitionen einiges schief gegangen. Die Nullzins-Politik in Japan interpretiert Abele als "Ausdruck der Verzweiflung". "Man kann Pferde zur Tränke führen, aber saufen müssen sie selber", fügte er hinzu. Probleme in Japan`s Wirtschaft Strukturelle Probleme in japanische Wirtschaft ortet Sikora in der stark regulierten Wirtschaft und den "fragwürdigen Bilanzierungsregeln". Die von der Struktur sehr protektionistische Wirtschaftsordnung hätte in der Aufschwungphase vor dem Platzen der Blase geholfen, habe allerdings den folgenden Abschwung zusätzlich beschleunigt. Der japanischen Wirtschaft empfiehlt Sikora eine Liberalisierung. In den USA erwartet der Analyst hingegen keine 10-jährige Bärenphase wie in Japan. Die Wirtschaft in der USA sei reifer als die japanische, meinte Sikora. Allerdings würden derzeit auch in Amerika eine "Verdichtung guter Konjunkturdaten" fehlen. Bewundernswert sei, wie lange die Amerikaner trotz des schwierigen Umfelds weiterkonsumieren würden. Allerdings würden sie zu Gunsten des Konsums tendenziell entsparen, warnte Sikora. Euro-Raum folgt US-Markt Für den Euro-Raum erwartet der Analyst vorläufig keine Abkoppelung von den USA. Die Korrelation der Entwicklung der beiden Wirtschaftsräume bezeichnete Sikora als "verblüffend". Mehr Eigenständigkeit sei erst zu erwarten, wenn sich Europa als Wirtschaftsblock und der Euro als Währung etablierten. Derzeit würde jedoch vor allem noch seitens der Amerikaner noch Skepsis vorherrschen. (APA)