Graz - Tierseuchen wie BSE oder MKS haben die bisherige Verwertung von Schlachtabfällen grundsätzlich in Frage gestellt. Nachdem die Verfütterung in Form von Tiermehl nicht mehr tragbar ist, sah man lange Zeit in der Verbrennung die einzige Möglichkeit, die Abfälle zu entsorgen. Eine Expertengruppe der Technischen Universität Graz hat nun eine umfangreiche Expertise erstellt, die alternative Verwertungsmöglichkeiten von Tierkörpern und Schlachtabfällen aufzeigt. Demnach können die Inhaltsstoffe der Schlachtabfälle, allen voran Proteine und Fette, die Grundlage für eine breite Palette von Produkten bilden. Drei Monate lang hat ein Team von rund 15 Wissenschaftern der Technischen Universität die bisher schon vorhandene wissenschaftliche Literatur zur Tierkörperverwertung durchgeackert. "Das waren mehrere tausend Seiten", so Gerhard Braunegg vom Institut für Biotechnologie im Gespräch mit der APA. Im Zuge des zweiwöchigen Expertenmeetings, in dem man den jeweiligen Wissensstand zusammengeführt hat, ist man zu zwei zentralen Ergebnissen gekommen. Nicht sinnvoll "Die Recherche hat gezeigt, dass die bisher hauptsächlich ins Auge gefasste Verwertungsstrategie der Verbrennung aus Sicherheitsgründen, aus Umweltschutzgründen und aus wirtschaftlichen Gründen mittel- und langfristig nicht sinnvoll ist", erläuterte Rudolf Riedl vom Institut für Grundlagen der Verfahrens- und Anlagentechnik. Die Verfeuerung des Tiermehls könne zwar zu einer kurzfristigen Entlastung der Situation beitragen, gehe aber mit einer zwangsläufigen Erhöhung der Stickoxidbelastung, erhöhtem Ascheaufkommen, die zusätzlich als Sondermüll entsorgt werden müsse, sowie enorm hohen Anforderungen an die Hygiene bei der Lagerung und dem Handling einher. "Wir sind aber auch zur Erkenntnis gelangt, dass Schlachtabfälle im Allgemeinen und Tiermehl im Speziellen wertvolle Rohstoffe für eine auf nachwachsende Rohstoffe hin ausgerichtete Prozesstechnik darstellen können", so Braunegg. So böten die Schlachtabfälle eine willkommene Quelle von Proteinen, Fetten und Eiweißstoffen. Kernstück Das Kernstück einer sinnvollen Entsorgungsstrategie bildet für Braunegg die Prozessschritte Entfettung und Hydrolyse, das heißt die Zerlegung der Proteine in ihre Untereinheiten. Die Endprodukte dieser Schritte sind tierische Fette und Proteinhydrolysat. Die Fette könnten zu Biodiesel und Schmierstoffen verarbeitet werden, wobei diese Technologien nach Ansicht der Grazer Experten schon "gut ausgereift" seien. Proteinhydrolysat kann wiederum als Ausgangspunkt für eine große Anzahl von Produkten dienen: "Insbesondere bioabbaubare Kunststoffe, Kleber, Detergentien und Milchsäure", so der Experte. Suche nach Partnern in der Industrie "Generell könne das Hydrolysat auch als Proteinquelle in der Biotechnologie eingesetzt werden und damit wesentliche Kostenvorteile für biotechnische Produkte erbringen", erklärte der Biotechnologe Braunegg. Das Tiermehl diene hier als billige Stickstoffquelle, die zum Beispiel den Herstellungsprozess von Milchsäure so verändert, dass das Wachstum der Milchsäurebakterien um ein Drittel beschleunigt wird. Ein weiteres Einsatzgebiet für die aus der Hydrolyse gewonnenen Aminosäuren stellt der Bereich der Klebstoffe dar. Als "besonders aussichtsreich kann hier der Einsatz von Polyaminosäuren als Klebstoff im Bereich der Spanplattenherstellung eingeschätzt werden", halten die Experten fest. Hier könnte durch das Angebot eines - preisgünstigen - Klebstoffes auf der Basis nachwachsender Rohstoffe die bisher verwendeten und auf fossiler Basis erzeugten Harze ersetzen. 1,5 Millionen Tonnen Schlachtabfälle pro Jahr Die Gesamtmenge der Schlachtabfälle in Österreich beträgt rund 1,5 Millionen Tonnen pro Jahr. Hinzu kommen noch etwa weitere fünf Prozent der Gesamtmenge an verendeten und verworfenen Tieren. Die Hauptverarbeitungslinie für Schlachtabfälle und Tierkörper verläuft derzeit in Österreich über Tierkörperverwertungsanlagen, deren Hauptprodukt das Tiermehl ist. Österreichweit werden so etwa jährlich 100.000 Tonnen erzeugt. Laut Ansicht der Experten würden die alternative Verwendung von Tiermehl noch interessanter, wenn eine umfassende Restrukturierung der Logistik von Schlachtabfällen in Richtung industrieller Verwendung erfolgen würde. "Langfristig können Schlachtabfälle auf alle Fälle als eine Rohstoffchance für eine umweltfreundliche, sichere und technisch hoch stehende Prozess- und Biotechnologie gesehen werden", so die Sprecher der so genannten "Task Force Sichere technische Verwertung von Tiermehl" unisono. Aus dem Problemstoff Tiermehl könnte sich so die neue Rohstoffquelle "tierische Nebenprodukte" entwickeln und Schlachthöfe könnten so von "Problemstoffproduzenten" zu wertvollen "Rohstofflieferanten" werden. Um diese Chance mittel- und langfristig zu nutzen, müsse allerdings die Forschung und technische Entwicklung noch weiter voran getrieben werden, so Braunegg. In einer auf zwei bis drei Jahre veranschlagten Forschungsphase sollen nun Verfahren zur Produktion mehrerer denkbarer Produkte für verschiedene Anwendungsfelder zur technischen Pilotreife geführt werden. Dazu seien sowohl koordinierte Forschungsprojekte zur Prozesssynthese als auch der Optimierung der chemischen und enzymatischen Hydrolyse und der Verarbeitung des Hydrolysates notwendig. Nun macht man sich von Seiten der Technischen Universität, die laut Rektor Erich Hödl bisher schon "einige Hunderttausend Schilling" in die Recherche investiert hat, auf die Suche nach Partnern in der Industrie. "Wir haben auch schon einige Interessenten aus dem In- und Ausland", so Riedl. Die werden ordentlich in die Tasche greifen müssen: Die geschätzten Kosten für drei zentrale Forschungsprojekte werden auf 950.000 Euro (13,07 Mill. S) geschätzt. (APA)