Als leerer Bau zog das Jüdische Museum in Berlin bereits 350.000 Besucher an. Bis zur Eröffnung am Sonntag gilt es als gut gehütetes Geheimnis, wie deutsch-jüdisches Leben in diesem "erzählenden Museum" dargestellt wird, berichtet Alexandra Föderl-Schmid . Berlin - Das von Daniel Libeskind entworfene Gebäude setzt auf Symbolik: Der Grundriss in Form eines zerbrochenen Davidsterns, Sehschlitz-Fenster, eine abgeschnittene Stiege und ein dunkler Turm. "Es gibt viele, die sagen, das Gebäude ist so schön, lasst es doch leer. Aber das Architektonische hat uns eine eigene Perspektive eröffnet. Sowohl der Architekt als auch wir sind zum Schluss gekommen, das sei eine gute Ergänzung", erläutert Museumsdirektor Michael Blumenthal im Gespräch mit Auslandskorrespondenten.

Wenn er auch von einer Herausforderung spricht, so lässt sich Blumenthal lange Zeit, bevor er auf die Frage, ob er sich nicht häufig ein anderes Gebäude gewünscht habe, antwortet: Er habe sich oft gewünscht, Libeskind, Projektleiter Ken Gorbey und er hätten sich zusammensetzen können, bevor das Gebäude gebaut wurde. So gebe es zu wenig Kabel für die Verwendung moderner Medien, die Lüftung musste nachgerüstet werden. "Wir sind uns aber bewusst geworden, dass die Nachteile durch die Vorteile überschattet werden. Selbst die Leeren tragen etwas bei."

Die zweitausendjährige Geschichte der Juden in Deutschland wird in 13 Stationen auf 3000 Quadratmetern nacherzählt: von den Anfängen unter den Römern, dem Leben im Mittelalter, der gescheiterten Integration im 19. Jahrhundert, der Verfolgung in der Nazizeit bis zur Darstellung der jüdischen Gemeinden im heutigen Deutschland. "Das Musum ist kein normales Museum, weil es auch kein traditioneller Bau ist. Wir sind auch kein Musum, in dem Gegenstände ausgestellt werden. Wir sind ein erzählendes Museum", beschreibt Blumenthal den Anspruch und stellt klar: "Wir sind auch kein Holocaust-Museum. Es geht vielmehr um den Beitrag der Juden zum Leben in Deutschland."

Die Entstehungsgeschichte vergleicht der Amerikaner mit einem Film: "Wir haben uns zuerst gefragt: Welche Geschichte wollen wir erzählen? Dann haben wir ein Drehbuch geschrieben, uns mit Historikern beraten, welche Aspekte die wichtigsten sind. Dann haben wir geschaut, welche Ausstellungsobjekte wir haben und welche wir bekommen können."

Auch Projektmanager Gorbey definiert wie Blumenthal zuerst, was das Jüdische Museum nicht ist: "Das ist kein jüdisches Disneyland." Es gebe eine Mischung aus Darstellung durch Objekte und interaktive Medien. So wird mit einer dreidimensionalen Darstellung das kulturelle Leben in Worms im Mittelalter veranschaulicht. Das älteste Ausstellungsstück hat übrigens der Vatikan beigesteuert: Ein Manuskript, in dem zum ersten Mal eine jüdische Gemeinde im 4. Jahrhundert erwähnt wird. Auch die Brille von Moses Mendelssohn, dem Philosophen der Aufklärung, ist unter den 1600 Originalen, die gezeigt werden.

Obwohl auch Journalisten die Ausstellung nicht vor der Eröffnung am Sonntag besichtigen durften, wird bereits der Vorwurf einer Amerikanisierung erhoben, auf den Blumenthal gelassen reagiert: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass jeder Besucher alles wunderbar findet." Dass die Schau zum am besten gehüteten Geheimnis in Berlin erklärt wurde, begründet Blumenthal damit, dass er den 850 Ehrengästen die Möglichkeit geben wollte, sich zuerst selbst ein Bild zu machen.

Verbindungen zu Wien

Auch Abgrenzungen erwiesen sich als schwierig, gibt Blumenthal zu. "Es war rasch klar, dass man nicht von der Berliner Gemeinde sprechen konnte, ohne die deutschen Juden einzubeziehen. Dann war man gleich bei den Gemeinden in Wien." Die Frage des STANDARD, wie das Problem gelöst wurde, beantwortet der Museumsdirektor mit einem Beispiel: Gustav Mahler wurde in Böhmen im damaligen Österreich-Ungarischen Reich geboren, war aber in Leipzig Musikdirektor. "Wenn jemand aus einem deutschsprachigen Gebiet kam, und der passte uns rein, dann haben wir ihn auch in der Ausstellung berücksichtigt."

Blumenthal sieht sein Museum jedenfalls auch nicht in Konkurrenz zum geplanten Berliner Holocaust-Mahnmal oder zur Topographie des Terrors auf dem Gestapo-Gelände: "Unsere Aufgabe ist eine andere. Das Mahnmal beschäftigt sich mit dem Andenken an die Opfer. Die Topographie ist die Stätte des Grauens. Wir sind ein Museum, wo man Lehren ziehen kann für die Gegenwart und Zukunft, das Zusammenleben verschiedener Kulturen."

Der 75-jährige Blumenthal, der mit seiner Familie vor den Nazis nach Schanghai und schließlich in die USA floh, sieht die Arbeit in Berlin auch als persönliches Vermächtnis. "Man kann die Vergangenheit nicht ändern. Ich lebe heute noch. Mir ist wichtig weiterzugeben, dass man auch mit Minderheiten friedlich zusammenleben muss." Das Museum sieht er auch als Antwort auf die Schlussstrichdebatte in Deutschland und in Österreich: "Es gibt keinen Schlussstrich. Der heutige Deutsche hat keine Schuld, aber eine nationale Verantwortung. Diese Verantwortung bedeutet, dass die Erinnerung an diese Ereignisse gepflegt und umgesetzt wird in einer Politik der Toleranz." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.9. 2001)
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Kampf um Autonomie
Der lange Weg zum Jüdischen Museum