Oslo - Norwegens regierende Sozialdemokraten haben bei der Parlamentswahl am Montag eine historische Wahlniederlage erlitten. Nach Auszählung von 43,5 Prozent der Stimmen kamen die Sozialdemokraten auf einen Anteil von 23,6 Prozent. Das entspricht einem Rückgang von 11,4 Prozent gegenüber den Wahlen 1997 und ist das schlechteste Resultat der Partei seit ihrer Gründung im Jahr 1909. Ministerpräsident Jens Stoltenberg, der seit dem Vorjahr an der Spitze einer Minderheitsregierung steht, lehnte einen Rücktritt noch am Wahlabend ab. Sozialdemokraten verlieren fast ein Drittel ihrer Mandate Die Sozialdemokraten büßten fast ein Drittel ihrer 65 Mandate ein und halten laut Hochrechnung des norwegischen Rundfunks bei 43 Sitzen. Die konservative Höyre ist der große Gewinner der Wahl: Sie legte auf 20 Prozent zu, gegenüber 14,3 Prozent bei den vorhergehenden Wahlen. "Der nächste Ministerpräsident Norwegens heißt (Höyre-Vorsitzender) Jan Petersen", zeigte sich am Wahlabend der Vizevorsitzende der Konservativen, Per-Kristian Foss, überzeugt. Auch der Spitzenkandidat der Zentrumsparteien, Ex-Ministerpräsident Kjell Magne Bondevik von der christlichdemokratischen Volkspartei (KrF) gab sich davon überzeugt, dass Norwegen nun eine neue Regierung erhält. "Ich juble vorsichtig", sagte er dem norwegischen Rundfunk NRK. Er rief Stoltenberg zum Rücktritt auf. Stoltenberg: "Neue Zusammenarbeit finden" Der 42-jährige sozialdemokratische Regierungschef räumte im Fernsehen zwar die Wahlniederlage ein, betonte aber, er werde sich "nicht der Regierungsverantwortung entziehen". Er habe bereits eine Einladung an andere Parteien ausgesprochen, eine "neue Zusammenarbeit zu finden". An welche Parteien sich die Einladung richtete, sagte Stoltenberg nicht. Er betonte, dass die Sozialdemokraten noch immer die größte Gruppierung im Parlament ausmachten. Mögliche Koalition: Höyre und Christdemokraten unterstützt von Venstre Die Christdemokraten von Bondevik kamen laut Hochrechnung auf 14,5 Prozent der Stimmen (1997: 13,7). Ihre möglichen Koalitionspartner, die liberale Venstre und die agrarische Zentrumspartei schnitten schlechter ab. Die Zentrumspartei liegt laut Hochrechnungen bei 7 Prozent (1997: 7,9), Venstre muss mit 3,6 Prozent (1997: 4,5) um ihren Wiedereinzug ins Parlament bangen. Zusammen hätte ein zentristisch-bürgerlicher Block von Christdemokraten, Zentrumspartei und Venstre nach derzeitigen Hochrechnungen 33 Mandate. Wahrscheinlicher scheint nach Einschätzung von politischen Beobachtern eine Koalition von Höyre und Christdemokraten, möglicherweise mit Unterstützung der Venstre. Weiterer Wahlsieger: Linkssozialisten Allerdings sehen sich auch die Linkssozialisten als Wahlsieger: Sie kamen auf 11,4 Prozent gegenüber 6 Prozent im Jahr 1997. Die Vorsitzende der linkssozialistischen "Sosialistisk Venstreparti" (SV), Kristin Halvorsen, sagte, sie strebe eine Koalition mit den Sozialdemokraten an. Die rechtspopulistische Fortschrittspartei von Carl Hagen musste mit 14,2 Prozent zwar leichte Verluste gegenüber 1997 hinnehmen, erzielte aber ihr zweitbestes Wahlergebnis. Sie könnte einen Block von bürgerlichen Parteien möglicherweise unterstützen. Ein amtliches Endergebnis wird für Mittwoch erwartet. Wahlentscheidung: Nutzung der norwegischen Erdöleinnahmen Wahlentscheidend dürfte nach Einschätzung von Beobachtern der Streit um die Nutzung der norwegischen Erdöleinnahmen gewesen sein. Während die regierenden Sozialdemokraten die Gelder in einer "Zukunftsstiftung" anlegen wollen, sprach sich die bürgerliche Opposition für Steuersenkungen und Investitionen in das Bildungs- und Gesundheitsystem aus. Laut dem jüngsten Bericht des UNO-Entwicklungsprogramms UNDP hat Norwegen weltweit den höchsten Lebensstandard. Aber auch die Steuerlast ist eine der höchsten in Europa. (APA)