Warschau - Insgesamt neun Parteien und Bündnisse treten landesweit bei der Parlamentswahl in Polen am 23. September an. Davon haben sechs realistische Chancen auf den Einzug in das Abgeordnetenhaus (Sejm). Für Parteien gilt dabei eine Fünf-Prozent-Hürde, für Bündnisse liegt die Schwelle bei acht Prozent. Im Folgenden eine Übersicht über die wichtigsten Gruppierungen: BUND DER DEMOKRATISCHEN LINKEN (SLD): Unter der Führung von Leszek Miller steuert die Partei einem sicheren Wahlsieg entgegen. Der SLD entstand 1991 als Zusammenschluss mehrerer linker Gruppen, darunter als wichtigste der Reformflügel der früheren Kommunisten unter dem heutigen Staatspräsidenten Aleksander Kwasniewski. Die SLD-geführte Regierung von 1993-1997 steuerte einen strikt marktwirtschaftlichen und pro-westlichen Reformkurs, scheiterte aber unter anderem an ihrem kalten Technokraten-Image sowie an Korruption und Günstlingswirtschaft. Die Rechte hat nun vier Jahre bewiesen, der Linken zumindest in diesen beiden Punkten um nichts nachzustehen. In die heurige Wahl geht der SLD in einem Bündnis mit der Arbeitsunion (UP), einer linken Abspaltung aus dem traditionellen Solidarnosc-Lager. BÜRGERPLATTFORM (PO): Sie entstand zu Jahresbeginn um den ehemaligen Finanz- und Außenminister Andrej Olechowski nach seinem erfolgreichen Antreten bei der Präsidentenwahl im Oktober 2000, als er Solidarnosc-Chef Marian Krzaklewski auf den dritten Platz verweisen konnte. Hinzu kamen liberale Kreise der AWS um Sejm-Marschall Maciej Plazynski und führende Vertreter der Freiheitsunion unter Donald Tusk. Diese drei führen heute die PO, die zu einem neuen Sammelbecken für das liberale Bürgertum werden könnte. Später schloss sich auch die Volkspartei (SKL) der Bürgerplattform an. Der Parlamentseinzug scheint gesichert. Eine Koalition mit den Postkommunisten (SLD) schließt die PO aus. FREIHEITSUNION (UW): Die einstige liberale Vorzeigepartei des Landes muss heuer um ihre Existenz bangen. Nach dem Austritt aus der 1997 geschlossenen Koalition mit der AWS im Sommer 2000 zerfiel auch die UW. Parteichef Leszek Balcerowicz verabschiedete sich zu Jahresbeginn auf den Posten des Nationalbankchefs. Bei der Wahl des früheren Außenministers Bronislaw Geremek zu seinem Nachfolger und der Besetzung der neuen Parteispitze fühlte sich eine maßgebliche Gruppe um Senatsvizepräsident Donald Tusk derart übergangen, dass sie wenig später zur neu gegründeten Bürgerplattform (PO) wechselt. Die heutige UW gilt als personell und programmatisch erschöpft. POLNISCHE BAUERNPARTEI (PSL): Die Partei entstand 1990 als Zusammenschluss der Vereinten Bauernpartei, einer treuen Blockpartei unter dem Kommunismus, und der traditionellen Bauernpartei. Von 1993-1997 bildete die PSL eine Koalition mit den Postkommunisten (SLD). Auch heute bietet sie sich der Linken wieder als Regierungspartner offen an. Die PSL versteht sich als Anwalt der verarmten ländlichen Bevölkerung, unter der eine wachsende Ablehnung der EU festzustellen ist. Trotz ihres farblosen Vorsitzenden Jaroslaw Kalinowski wird die Partei bei den Wahlen zulegen. RECHT UND GERECHTIGKEIT (PiS): Eine rechts-nationalistische Abspaltung der AWS rund um den im Juli aus der Regierung entlassenen Justizminister Lech Kaczynski. Mit einer harten "law and order"-Politik und lautem Nachdenken über die Wiedereinführung der Todesstrafe für Drogenhändler und Kinderschänder wurde Kaczynski zum beliebtesten Politiker des Landes. 65 Prozent der Polen sagten im Juni, sie hätten eine gute Meinung von ihm. Nach der Gründung von PiS schlossen sich weitere bisherige Regierungsmitglieder der Gruppierung an. Der Einzug in den Sejm gilt als sicher. WAHLAKTION SOLIDARNOSC (AWSP): Das siegreiche Bündnis von 1997 aus mehr als 30 rechtsgerichteten Parteien unter der Führung der Gewerkschaft Solidarnosc ist unter der Last der Regierungsverantwortung zerfallen. Nach dem Austritt mehrerer Parteien und Gruppierungen zog sich im Mai auch die Solidarnosc zurück. Zur Wahl im September tritt AWSP nur mehr als Bündnis von Soziale Bewegung AWS (RS AWS), Christlich-Nationale Union (ZChN) und Polnische Christdemokratische Partei (PPChD) an. Spitzenkandidat ist Ministerpräsident Jerzy Buzek. Nach Umfragen muss AWSP um den Wiedereinzug ins Parlament bangen. (APA)