Wien - Er hoffe, dass die Terroranschläge in den USA nicht nur die Frage, wer das getan habe, aufwerfen werde, sondern auch die, warum es getan wurde. Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung appellierte bei einer Pressekonferenz der Teilnehmer der Wiener Konferenz für Mediation eindringlich für eine neue Form der Konfliktlösung: Nicht die Suche nach den Tätern und "blindwütige Rache für die Anschläge, sondern Selbstreflexion und Dialogbereitschaft" wären jetzt angesagt. Die USA müssten auch überlegen, was sie beigetragen hätten, dass es zu der Attentatsserie gekommen ist, meinte Galtung. "Riesenchance" zur Lösung des Konfliktes Der Westen könnte die Gelegenheit trotz aller Tragik als "Riesenchance" zur Lösung des Konfliktes mit dem Islam begreifen, fuhr Galtung fort. Auch darüber, wie die global agierende "Finanzökonomie" in Richtung Umverteilung und Bedürfnisdeckung der Ärmsten umgebaut werden kann, wäre eine "Weltdiskussion" notwendig. Sehr viel Chancen gibt der Gründer des internationalen Friedensforschungsinstituts in Oslo solchen Szenarien allerdings nicht: Auf die Frage, welche konkrete Reaktion er von den USA erwarte, äußerte Galtung die Befürchtung, die USA könnten Afghanistan angreifen und sogar Atomwaffen einsetzen. Vermittlerrolle Europa wäre gut beraten, sich nicht an militärischen Schlägen der USA zu beteiligen. Solidarität sei den Opfern der Anschläge entgegenzubringen, nicht aber Vergeltungsaktionen. Europa sei viel mehr aufgerufen, eine Vermittlerrolle in der Form zu übernehmen, wie sie Bruno Kreisky für Österreich im Nahostkonflikt gespielt hat, sagte Galtung. "Gute Mediatoren" wären auch Ex-US-Präsidenten Jimmy Carter, Nelson Mandela oder Erzbischof Desmond Tutu. Vermittlung wäre jedenfalls angebrachter als der Schulterschluss mit den USA, ergänzte Leo Gabriel, Teilnehmer am Mediationskongress und wissenschaftlicher Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts mit Seitenblick auf die ersten Reaktion heimischer Politiker. Er vermutet, dass sich an den Terrorschlägen eine neue, nichtsdestoweniger aber längst vorausgesagte Entwicklung ablesen lasse: "Der soziale Weltkrieg ist Wirklichkeit geworden." (kob, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 13.9.2001)