In den ersten Reaktionen der internationalen Presse wird eines deutlich: Die Unfassbarkeit des Terrorangriffs auf die USA. Und der Versuch, erste Deutungsmuster aus der Populärkultur heranzuziehen. Deutlich wird aber auch eine große Angst: Diejenige vor einem Krieg, auch einem Krieg der Kulturen. Hier eine erste Auswahl aus Kommentaren in der internationalen Presselandschaft. Der Tenor in den Berichten und Kommentaren der internationalen Presse auf die Anschläge in den USA lautete: Es handle sich nicht "nur" um Terror in den USA, sondern um gezielten Terror gegen diese, um einen nichterklärten Krieg: "Angriff auf Amerika", hatten sowohl die F.A.Z. wie die Stuttgarter Zeitung in ihrer Skyline, von einem "Terror- Krieg gegen Amerika" sprach die Süddeutsche Zeitung. Als "Assault on America" markierte es auch die Londoner Financial Times, "U.S. under attack" meinte die populäre USA Today. Am stärksten aber rückte The Independent die apokalyptischen Assoziationen in den Vordergrund: "Doomsday America" stand in weißer Schrift über dem schwarzen Rauch und der gelben, pilzartig wuchernden Wolke aus den Türmen des brennenden und explodierenden World Trade Center. Für ein derart inkommensurables Ereignis werden in ersten Reaktionen auch erste Deutungsmuster entwickelt: Die Beschwörung von Horrorfilmszenen und Populärkultur (Süddeutsche und Frankfurter Rundschau), aber vereinzelt auch schon der Hinweis auf die hier in entsetzlicher Weise visualisierte, realisierte Explosion seit Jahrzehnten unbewältigter Konflikte bilden einen roten Faden dieser Reaktionen. Einige davon seien hier in ausgewählten Ausschnitten vorgestellt: "Horrorfilm" In ihrem "Streiflicht" schrieb die Süddeutsche Zeitung: "Ob so schnell noch jemand einen Horrorfilm wird drehen wollen? Immer neue, immer schrecklichere Katastrophen hat sich Hollywood ausgedacht: Godzilla hießen dann die Erfolgs-Filme, Mars Attack oder Independence Day, und immer waren es Monster oder Grauen erregende Nicht-Menschen aus dem Weltall, die New York zerstörten und Amerika in die Knie zwingen wollten und meist im letzten Moment noch an der völligen Vernichtung der Welt gehindert wurden. Und nun wissen wir, dass wir keine Marsmenschen, keine Monster mehr brauchen: Wir haben ja die Menschen dafür. (...) Es ist jetzt klar, dass es keines auch nur erkennbaren politischen Zieles mehr bedarf, um tausende, zehntausende von Unschuldigen hinzumetzeln, dass Brutalität und Rache und die Vergeltung von Racheakten die Welt der Zukunft beherrschen werden." Angriff auf Symbole In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - die erstmals in ihrer Geschichte ein Foto auf der Titelseite brachte - kommentierte Klaus-Dieter Frankenberger: "Diese koordinierten und präzise ausgeführten Anschläge richten sich gegen die Vereinigten Staaten - gegen eines der imponierenden Symbole seiner wirtschaftlichen Vitalität in New York, gegen die militärische Zentrale der Supermacht in Washington, gegen symbolträchtige Einrichtungen der amerikanischen Politik und Gesellschaft. Und die Drohung gegen das daraufhin evakuierte Weisse Haus manifestiert mehr als alles andere, um was es denen ging, die hinter den Anschlägen stehen: ein Land lahmzulegen, es in Panik zu stürzen, an den Abgrund zu treiben. Nach diesem Tag wird nichts mehr sein wie zuvor." Und weiter, auch vorsichtig vorschnellen Täter-Identifizierungen entgegentretend: "Es muss nicht so sein, dass die ersten Vermutungen, die Täter seien in den Reihen des islamischen Terrorismus zu suchen, tatsächlich zutreffen. Amerika hat viele Gegner, die ihm seine überragende Stellung und die Leistungsfähigkeit seiner Wirtschaft neiden, die ihm die Prägekraft seiner Gesellschaft und die populäre Kultur übelnehmen und sich durch die amerikanische Demokratie bedroht fühlen (...) Amerikanische Regierungsstellen haben seit einiger Zeit gewusst, dass sich etwas zusammenbraut. Sie haben den nahen und Mittleren Osten in den Blick genommen. Gewiss ist nur: Der High-Tech-Terrorismus ist kein Spezialfach für die Kriminalistik oder für Thriller Autoren. Es gibt ihn wirklich, als Mittel des Kriegs im 21. Jahrhundert." Ein interessantes Detail teilte die F.A.Z. auch berichtend mit: Nach ihr vorliegenden Informationen sollen westliche und nahöstliche Nachrichtendienste schon seit mehr als sechs Monaten Hinweise darauf erhalten haben, dass Attentäter mit entführten Flugzeugen Anschläge auf herausragende Symbole amerikanischer und israelischer Kultur planten, nicht nur in den Vereinigten Staaten. Kultureller Konflikt Die allgemeine Kriegsmetaphorik wurde auch in der Stuttgarter Zeitung aufgenommen, dort aber von Adrian Zielcke erstmals auch als Ausbruch enormer kultureller Konflikte betrachtet: "Man hat sich in den letzten Jahren an die Kleinkriege auf dem Balkan, im Nahen Osten, in Afghanistan gewöhnt. Die großen Auseinandersetzungen schienen überwunden zu sein. Auch der erste Anschlag auf das World Trade Center von 1993 geriet bereits in Vergessenheit - ebenso wie die Thesen des Professors Samuel Huntington, der zu Beginn der neunziger Jahre vor einem gewaltsamen Zusammenstoß der Kulturen gewarnt hatte. (...) Amerika ist der Erzfeind schlechthin für die Verbrecher, die sich als Gotteskämpfer verstehen. Amerika steht für westliche Zivilisation, für Globalisierung, und nicht zuletzt ist Amerika Garant der Existenz Israels. (...) Vielfältige Versuche, im Zeitalter der Globalisierung Konflikte und Gegensätze unterschiedlicher Kulturen und Zivilisationen friedlich zu überwinden, sind gescheitert." Zwischenbemerkung: Etwas abzurücken vom Kriegsszenario versuchte auch Claus Reitan in der Tiroler Tageszeitung, indem er das Problem in größere kulturelle Konflikte einordnet: "Es wird von den USA eine geradezu übermenschliche Zurückhaltung erfordern, nicht gleichartig zu reagieren. Die USA haben die Kraft, nahezu überall auf der Welt zuzuschlagen. Die Terroristen allerdings auch." Unsichtbarer Feind In einem anderen Licht erschien die Problematik aber aus der transatlantischen, der angelsächsischen Perspektive. "It was the day America´s luck ran out", schreibt Rupert Cornwell im Independent, "jener Tag, als der Krieg zur kontinentalen Supermacht kam, die durch große Ozeane von einer weniger begünstigten Welt getrennt war". Zwar sei es - nach Unabhängigkeitskrieg und Bürgerkrieg - nicht der erste Krieg auf amerikanischem Boden, aber er sei "umso erschreckender, weil der Feind unsichtbar und unbekannt ist. Ereignisse, die bisher auf Tom-Clancy-Romane beschränkt waren, wurden erschütternde Realität eines gewöhnlichen Herbstmorgens." Es habe sich aber auch die Irrelevanz der militärischen Maschinerie gezeigt, eines Hauptdogmas von Präsident Bush - denn hier flogen keine Missiles, sondern ganz banale Zivilflugzeuge: "Mr. Bush, wie üblich, gab gestern die Personifikation trotziger Herausforderungshaltung - ,We are being tested as a nation, we will show the world we can pass the test’ - in einem Augenblick der Machtlosigkeit des Landes." Geschichte explodiert Noch kritischer kommentierte Robert Fisk im gleichen Blatt: Die gesamte Geschichte des Nahen Ostens seit dem Mittelalter sei explodiert: "Aber es ist nicht nur der Krieg zwischen Demokratie und Terror. Es geht auch um die amerikanischen Missiles, die in Palästinensersiedlungen feuerten - doch dass Palästinenser tanzten, das war nicht nur ein Symbol ihrer Verzweiflung, sondern auch ihrer politischen Unreife." In seinem (was mögliche Gefahren für den Aktienmarkt betrifft noch gelassenen) Wirtschaftsteil beschwor das Wall Street Journal unter dem Titel "München und Pearl Harbor" die historische Erinnerung und fordert die Verbündeten zu Solidarität in einem Kampf "um das Überleben der Demokratie" auf. Zugleich aber bezweifelte Gerald F. Seib im innenpolitischen Kommentar, dass George W. Bush den enormen Anforderungen des Augenblicks auch nur annähernd gewachsen ist: Es fehlten dem Präsidenten genau die Fähigkeiten, die jetzt am nötigsten wären - die Fähigkeit, eine beunruhigte Nation zu einen, die überwältigende Terrorbedrohung zu knacken und die internationalen Alliierten zu einen. Ein kleiner Hoffnungsstrahl bleibt: Amtsvorgänger wie Theodor W. Roosevelt, aber auch Bill Clinton, seien in großen Herausforderungen gewachsen. (Richard Reichensperger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.09.2001)