Als arrogant und schrill, als ungeduldig und unüberlegt ist Rudy Giuliani, der New Yorker Bürgermeister, oft bezeichnet worden. Die Stadt würde er entzweien, und für die New Yorker Minderheiten habe er wenig Gespür, hieß der Vorwurf, dem sich der 57-Jährige immer aussetzen musste. Doch in den vergangenen Tagen trat Giuliani außerordentlich einigend auf. Als er von Provokationen gegen in New York lebende Araber hörte, meinte er ruhig: "Niemand sollte irgendjemanden attackieren. Das ist es ja, worum es sich dreht. Um Wahnsinn und kranken Hass." Immer wieder erschien Giuliani vor Fernsehkameras und erklärte den New Yorkern - oft gemeinsam mit dem New Yorker Gouverneur George Pataki - ruhig und geduldig, wie es um ihre Stadt stünde. Und als er meinte, die Todesopfer werden letztlich "mehr sein, als wir ertragen können", nahmen ihm die New Yorker seine Trauer und seinen Schmerz ab und bangen seither mit ihm. Könnte Giuliani bei den im November stattfindenden Wahlen noch einmal für den "zweitschwersten Job der Welt" kandidieren, würde er vermutlich mit überwältigender Mehrheit wieder gewählt. Wie die Dinge aber nun einmal stehen, muss Giuliani nach zwei Amtsperioden einem anderen Platz machen. Trotzdem: Jeder der Kandidaten - derzeit etwa ein halbes Dutzend - will als zweiter Giuliani, allerdings ohne dessen Nachteile, bezeichnet werden. Giuliani wird nun auch des Öfteren mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten verglichen, wobei George Walker Bush keineswegs gut abschneidet: "Die herausragende politische Figur in der Landschaft von Tod und Schmerzen war, ist ohne jeden Zweifel, Rudy Giuliani", schreibt die Kolumnistin Mary McGrory in der Washington Post. Auch ihre Kollegin Joyce Purnick in der New York Times vergleicht Giuliani mit Bush: "Als Manager in Krisenzeiten - seien wir doch ehrlich - übertrumpft der Bürgermeister von New York den Präsidenten der Vereinigten Staaten." Der 1944 als Nachkomme italienischer Einwanderer in Brooklyn geborene Giuliani, der sich zunächst einen Namen als Mafiajäger gemacht hatte, wurde 1994 als Bürgermeister von New York gewählt. Es ist ihm nicht nur gelungen, die Verbrechensrate in New York drastisch zu senken, sondern auch die Finanzen der Stadt wesentlich zu verbessern. 1997 wurde er mit 57 Prozent der Stimmen zum zweiten Mal gewählt. Seine Kandidatur gegen die damalige First Lady Hillary Clinton um den New Yorker Sitz im Senat wurde durch eine Krebserkrankung vereitelt. Negative Schlagzeilen lieferte zudem Rudys Privatleben und sein öffentlich ausgetragener Streit mit Ehefrau Dona Hannover, von der er getrennt lebt. (DER STANDARD, Print, 14.9.2001)