Am Mittwoch, dem Tag danach, wandte sich der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld mit einer Videobotschaft an die Angehörigen des US-Militärs: In den kommenden Tagen würden sich die Männer und Frauen in Uniform in die lange Geschichte amerikanischer Militärhelden einreihen. "Wir stehen mächtigen und furchtbaren Feinden gegenüber, Feinden, die wir besiegen wollen." Rumsfeld hat sich in den vergangenen chaotischen Tagen als geschickter Kommunikator gezeigt, dessen Botschaften weniger von pathetischem Patriotismus geprägt waren, sondern pragmatisch und differenziert.

Obwohl an Osama Bin Ladens Absichten kein Zweifel bestehe, meinte Rumsfeld etwa am Donnerstag, sei seine Schuld an den Attacken vom Dienstag noch nicht erwiesen. Voreiliges Handeln sei unangebracht.

Der 68-jährige Rumsfeld wird von den Medien als besonders beharrlicher Verfechter des "Nationalen Interesses" gesehen, was ihn in einen gewissen Gegensatz zum internationalistischer gesinnten Außenminister Colin Powell brachte. Am vergangenen Sonntag, in einem CNN-Interview mit Wolf Blitzer, das jetzt wirkt wie aus einem anderen Zeitalter, wollte Rumsfeld nichts davon wissen, dass Budgetüberschüsse in einer Zeit abflauenden Wirtschaftswachstums vom geplanten Raketenabwehrschild (MD) abgezogen werden sollten. Mit dem MD-Projekt ist Rumsfelds Name seit langem eng verbunden. 1998 trat er als Vorsitzender einer Kommission an, die die von den "Schurkenstaaten" ausgehenden Bedrohungen bewerten sollte. Die Ergebnisse des Kommissionsberichtes waren eine wichtige Argumentationsgrundlage für alle MD-Befürworter.

Rumsfeld wurde 1932 in Chicago als Sohn eines Maklers geboren. Er studierte in Princeton Politische Wissenschaften und erwarb den Grad eines Bachelor of Arts. In seiner Studentenzeit war er ein begeisterter Ringer. Seine zwischen Wirtschaft und Politik oszillierende Karriere begann er 1962 als Abgeordneter im US-Repräsentantenhaus.

Er war später als Berater von Richard Nixon und Stabschef Gerald Fords tätig, 1975 bis 1977 diente er zum ersten Mal als Verteidigungsminister. In den 90ern war Rumsfeld neben seinen politischen Agenden in Spitzenfunktionen verschiedener Hightechunternehmen, so etwa bei der General Instrument Corporation, die Breitband-Zugangstechnologien entwickelt, oder beim Bio-Pharma-Unternehmen Gilead. Wie sich die Krise langfristig auf sein Herzensprojekt auswirkt, ist ungeklärt: Dass die Vereinigten Staaten ein Raketenabwehrschild jetzt erst recht brauchen, wird ebenso zu hören sein wie das Gegenargument, dass das Geld in andere antiterroristische Maßnahmen besser investiert wäre. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.9.2001)