Riskante Konzepte heißt Stanislaw Lems Essayband, der demnächst im Insel Verlag erscheinen wird. Der in Lemberg geborene Schriftsteller, Futurologe und promovierte Arzt setzt sich in diesem Band einmal mehr mit der Evolution, der technischen Entwicklung, der Biotechnologie und Gentechnik, mit Informationstechnologie und "Künstlicher Intelligenz" auseinander. Die Filmrechte für sein wohl bekanntestes Buch Solaris wurden kürzlich nach Hollywood verkauft, wo der Roman von James Cameron und Steven Soderbergh in einen Kinofilm umgesetzt werden soll. Am 12. September 2001 feierte Lem in Krakau seinen achtzigsten Geburtstag.Knapp: In den "Robotermärchen" ist die Rede vom Bleichling, dem hässlichsten und durchtriebensten Wesen im ganzen Universum. Hat sich der Bleichling Anfang des 21. Jahrhundert etwas gebessert? Lem: Ich fürchte, im Gegenteil. Inzwischen haben wir schon an die sechs Milliarden Bleichlinge. Sie haben zwar den technischen Fortschritt gefördert und erstaunliche Technologien geschaffen, doch je komplexer die Technologie, desto primitiver, um nicht zu sagen oberflächlicher die Information. Nehmen wir "Big Brother", der uns durch hochmoderne Satelliten ins Haus gestrahlt wird. Ein weiterer Beweis, dass die Bleichlinge sich offenbar des Denkens mit Gewalt entwöhnen wollen. In der modernen Neurologie fängt man gerade an zu begreifen, was für ein Wunderding das menschliche Gehirn ist. Gleichzeitig müssen wir mitansehen, wie die Besitzer dieses Wunderdings immer dümmer werden. Knapp: Besteht also die Gefahr, dass die künstliche Intelligenz uns einholt und gar überholt? Lem: Wohl kaum. Künstliche Intelligenz ist das Resultat von immer schneller arbeitenden Schaltkreisen. Man kann deren Anzahl und Kapazität ins Unendliche steigern, aber niemals ein Bewusstsein erzeugen. Knapp: Dennoch hat Deep Blue Kasparow matt gesetzt. Das war vor kurzem noch unvorstellbar. Lem: Natürlich darf man in der Wissenschaft niemals "niemals" sagen. Als Otto Lilienthal sich 1896 bei einem Flug das Genick brach, glaubte niemand an die Ära der Flugzeuge, geschweige denn der Düsenjets. Aber Bewusstsein zu schaffen und es zu simulieren sind zwei paar Schuhe. Es gibt inzwischen schon "intelligente" Programme, mit denen man ein paar Worte wechseln kann, aber sie wissen noch lange nicht, wer sie sind. Im Übrigen hat man Mühe, unter den Menschen Beweise für ein Bewusstsein zu finden. Wie sollen es erst Maschinen haben? Knapp: Dennoch scheint das Bewusstsein ein Geschenk, das nur dem Menschen gemacht wurde. War das Zufall oder die unausbleibliche Folge der Evolution? Lem: Es war genauso ein Zufall wie die Entstehung der menschlichen Spezies. Wie kennen ja die Kausalkette inzwischen schon ganz gut. Wäre nicht die Photosynthese entstanden, gäbe es erstmal keinen Sauerstoff. Wäre nicht ein großer Meteor vom Himmel gefallen und hätte die Dinosaurier ausgelöscht, kämen die Säugetiere nicht zum Zug und so weiter. Knapp: Ist Lem auch zufällig entstanden? Lem: Aber natürlich. Darüber hinaus gab es zwei Herren, die zufällig stark mein Leben mitgestaltet haben. Sie hießen Hitler und Stalin und haben bekanntlich eine Zeit lang zusammengearbeitet. Als Folge dessen wurde ich aus Lemberg vertrieben und landete in Krakau. Meine mir damals noch unbekannte Frau ist auf einem Gut in der Nähe von Krakau aufgewachsen. Sie wurde auch von den Sowjets vertrieben, und so haben wir uns getroffen. Ich sehe also die Zusammenarbeit zwischen Hitler und Stalin, über die ich übrigens nicht allzu glücklich bin, kausal verantwortlich für unsere Ehe und alles, was danach war. Knapp: Somit fiel auch Ihre Schaffensperiode rein zufällig in die Zeit des Kommunismus. Sind Sie deshalb vor der Zensur in die Sterne geflüchtet? Lem: Ich war nie ein politischer Mensch, geschweige denn ein Parteigenosse. In meiner Jugend las ich ein Buch von Sir Arthur Eddington, der mir die Augen auf die Schönheit der Astrophysik öffnete. Dabei blieb es. Hin und wieder hatte ich schon ironische Botschaften gegen den Kommunismus transportiert. Aber damals hatten wir den Kommunismus, jetzt haben wir den Klerikalismus. Knapp: Muss sich der Atheist Lem im heutigen katholischen Polen verstecken? Lem: Na ja, er äußert sich zum Beispiel nicht zur unbefleckten Empfängnis. Hätte es sie gegeben, müsste die Gottesmutter Maria eine Tochter haben, weil das männliche Chromosom fehlt. Natürlich hat ein Erzbischof klar gemacht, der Erzengel hätte das männliche Chromosom eingesteckt. Somit war alles wieder in Butter. Knapp: Was zeigt uns die heutige Genetik noch, außer dass Jesus ein Mädchen sein müsste? Lem: Spätestens nach der unglückseligen Dolly - dem Schaf - herrscht eine Triumphstimmung. Bald danach folgte auch die Decodierung der Nukleoidsequenz eines der ersten menschlichen Chromosome. Aber was bedeutet das? Es lässt sich vergleichen mit der Zerschnipselung der ersten Seite von Beethovens Neunter in einzelne Noten. Was können die Decodierer schon mit der Flut dieser Daten anfangen? Als wäre es nicht genug, ging man zur Patentierung von Fragmenten des Erbcodes. Man könnte es so ausdrücken: Die Erkenntnis der beinah unbegrenzten Freiheit, auf die wir zustreben, ergreift uns mit Entsetzen. Knapp: Der französische Autor Michel Houellebecq sieht im Klonen die einzige Rettung der degenerierenden Menschheit, vielleicht gar den Schlüssel zur Unsterblichkeit. Lem: Sterblichkeit ist bestimmt das dominierende Problem der Menschheit, seit unsere Gehirne die Fähigkeit der Selbstreflexion entwickelt haben. Viele Biotechnologen verkünden, dass die neuen Arten medizinischer Therapie die heute geltenden Grenzen des Lebens sprengen werden. Ab 2050 sollen die Menschen eine Dosis Mutterzellen erhalten, die verschiedene Organe regenerieren werden. Das Hauptproblem ist jedoch, dass jedes Leben irreversiblen Prozessen unterworfen ist. Schon Säuglinge kommen mit Merkmalen des künftigen Todes auf die Welt. Man vergisst dabei leicht, dass der Tod der Motor ist, der die Evolution antreibt. Wenn er nicht wäre, würden heute dieses Gespräch zwei drei Milliarden alte Bakterien führen. Knapp: Wie man den Bleichling kennt, würde er das in Kauf nehmen. Lem: Ein Greis mit einem neuen Herzen, neuen Eingeweiden etc. wird nach wie vor - wenn auch ein verjüngter - Greis sein. Dies wird nur eine vegetative Rettung sein, also ein Leben, das nicht die Bohne wert ist. Knapp: Vielleicht kommt die Lösung von außerhalb? Lem: Von den grünen Männchen? Also das ist unwahrscheinlich. Neulich gab es von amerikanischen Kosmologen simulierte Berechnungen, aus denen hervorgeht, dass die Erde der einzige Planet in der Milchstraße ist, der bewohnt sein könnte. Ich habe auch Probleme, an eine andere Zivilisation zu glauben. Knapp: Nach Carl Sagan wäre das ein großer "Waste of Space", wenn es nur uns Erdlinge gäbe. Lem: Wenn es irgendwo da draußen jemanden gibt, dann ist eine Verständigung extrem unwahrscheinlich. Allein wenn der Mensch mit Lichtgeschwindigkeit reisen könnte, würde er in relativ kurzer Zeit unsere Milchstraße umrunden. Käme er zurück, würde unser Sonnensystem nicht mehr existieren. Wir sollten uns erstmal für die Probleme der heutigen Erde interessieren. Knapp: In der Tat ist auf der Erde gerade eine Epoche zu Ende gegangen. Das literarische Quartett schließt endgültig seine Pforten. Wurde eines Ihrer Bücher jemals dort besprochen? Lem: Ich glaube nicht. Aber das ist wahrlich kein großes Unglück. Außerdem habe ich vor dreizehn Jahren meinen letzten Roman verfasst. Ich habe meine geistigen Weichen umgestellt und interessiere mich vorwiegend für die Wissenschaft. Knapp: Aber der Name Reich-Ranicki sagt Ihnen etwas? Lem: Als meine Bücher in der DDR erschienen, wo sie viele Auflagen hatten, hob ich von der Bank richtige Banknotenbündel DDR-Mark ab und fuhr damit mit der U-Bahn in den Westen. Dort tauschte ich sie gegen Westmark. Zu diesem Prozedere wurde ich von einem Mitglied des polnischen Schriftstellerverbandes verleitet. Es hieß Marcel Reich-Ranicki. Knapp: Als Sie Wien verließen, wo Sie ein paar Jahre gelebt haben, hinterließen Sie einem jungen Dichter Ihren Schreibtisch. Welchem polnischen Dichter würden Sie heute dieses Privileg zuteil werden lassen? Lem: Das ist schwer zu sagen. Reich-Ranicki hatte Recht ,als er sich zum Stand der polnischen Literatur äußerte. Unsere Lyrik war schon immer gut. Aber die Prosa. Es gibt noch ein paar Holocaustautoren, die über die Vergangenheit schreiben. Aber die junge Literatur ist sicher nicht von hohem Niveau. Knapp: Kann es sein, dass die junge polnische Literatur unter der unerträglichen Leichtigkeit der Freiheit stöhnt? Lem: Und wie. Andererseits ist es nicht leicht, über das gegenwärtige soziale Leben in Polen zu schreiben, weil es, gelinde ausgedrückt, ziemlich verwirrend ist. Knapp: Wo und wann würde der Futurologe Lem also dann leben wollen? In dreihundert Jahren zum Beispiel? Lem: Leider weiß ich nicht, wie es in drei hundert Jahren auf der Welt aussehen wird. Ich weiß nicht mal, was in drei Jahren passieren wird. Dafür weiß ich aber sehr genau, was in drei Milliarden Jahren passieren wird. Die Sonne wird sich in einen roten Riesen verwandeln, und alles Leben verschwindet von der Erde. Knapp: Auch der Mensch?. Lem: Nicht nur der Mensch. Sogar die Bakterien. Stanislaw Lem, Riskante Konzepte. Aus dem Polnischen von Andreas Lawaty. öS 277,-/ EURO20,15/200 Seiten. Insel, Frankfurt/Main 2001.

Eine Auswahl von Lems wichtigsten Büchern (außer Solaris, Claassen Verlag) alle beim Frankfurter Suhrkamp Verlag erschienen):

Sterntagebücher. öS 218/ EURO15,85/526 Seiten.

Der futurologische Prozess. öS 94,-/ EURO6,85/138 Seiten.

Robotermärchen. öS 101,-/ EURO7,35/148 Seiten.

Solaris. öS 271,-/ EURO19,70/252 Seiten.
Radek Knapp ist Schriftsteller, er lebt in Wien. Zuletzt erschien von ihm beim Piper Verlag der Roman "Herrn Kukas Empfehlungen"

(Kürzlich feierte Stanislaw Lem seinen achtzigsten Geburtstag. Radek Knapp traf sich mit ihm zu einem Gespräch)
( DER STANDARD, Print, Album, Sa/So, 15.09.2001)