Kabul - In Afghanistan läuft die Kriegspropaganda auf Hochtouren. Mit Drohungen gegen die Nachbarstaaten, Aufrufen an alle Ausländer, das Land zu verlassen, und vor allem mit Kampfparolen an die eigene Bevölkerung bereitet sich die islamistische Taliban-Miliz auf einen immer wahrscheinlicher werdenden Vergeltungsangriff der USA vor. Doch in der Hauptstadt ist von kämpferischer Stimmung nur wenig zu spüren. Im Gegenteil: Nichts deutet auf Kriegsvorbereitungen hin.

Die Gebäude der Miliz-Regierung wirken ungewöhnlich verlassen. Auf den Straßen herrscht eine gespannte und gedrückte Stimmung. "Ich mache mir Sorgen - weniger um mich als um meine Familie, meine Kinder", sagt der 36-jährige Tischler Abdul Sabur. Schon haben die ersten Familien die Hauptstadt verlassen und sind aufs Land gezogen.

Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar appelliert an die Bevölkerung, den Kampfgeist aus den Schlachten gegen den "britischen und russischen Imperialismus" aufleben zu lassen. "Wir haben einen Preis zu zahlen und uns hinzugeben, sonst sind wir wie alle Länder, die ihre Religion, ihren Stolz und alles andere verloren haben", sagte er in einer Rundfunkansprache.

"Ich will nicht für die Verbrechen eines anderen getötet werden", sagt ein alter Mann vor Saburs Tischlerei. Der 65-Jährige hat zehn Jahre Sowjetbesatzung hinter sich, dann den Bürgerkrieg zwischen den verfeindeten Mudjahedin. Seit mehr als fünf Jahren lebt er unter den Taliban. "Was sollen wir mit diesen Gästen, die uns nur Ärger machen? Ich kenne Osama nicht, und ich will ihn nicht. Ich will keinen dieser Gäste, die Afghanistan ins Unglück stürzen."

Sabur versucht, ihm Mut zu machen: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Amerikaner Afghanistan angreifen werden. Hier in Kabul und in allen anderen Orten leben so viele Unschuldige", sagt er, fügt aber hinzu: "Sollten sie wie die Sowjets in unser Land einfallen, dann werden wir uns verteidigen. Dann bin ich bereit zu kämpfen."

Seltsamerweise scheint die Wut der Menschen in Kabul auf die USA weniger groß zu sein als auf den Nachbarn Pakistan. "Gestern noch war Pakistan der beste Freund der Taliban. Heute stellt es den USA seine Luftwaffenbasen und sein Territorium zur Verfügung. Pakistan war schon immer dabei, wenn es um die Zerstörung Afghanistans und seiner Bevölkerung ging", sagt Sabur bitter. Ein junger Mann, Farid Ahmad, mischt sich ein: "Na klar, das ist das alte Grenzproblem aus der Kolonialzeit. Pakistan freut sich, solange wir mit unseren Problemen beschäftigt sind. Die haben Angst vor uns." (AFP) (DERSTANDARD; Printausgabe, 17.9.2001)