Wien - Damit es gar nicht erst zu handgreiflichen Auseinandersetzungen kommt, hat die Natur zahlreiche Rituale entwickelt. Aufplustern, Klappernrasseln oder Gebrüll sollen von Kraft und Stärke zeugen und einschüchtern; eine Strategie, die sich offenbar auch bestimmte Raupen zu Eigen machen: Mit Scharren und Klopfen markieren sie ihre Reviere. Hunde, die bellen, beißen nicht - eine weise Strategie, mit der sich viele Tiere vor ernsthaften Auseinandersetzungen schützen. Brüllaffen, Klapperschlangen oder Wölfe: vor dem körperlichen Angriff steht in aller Regel die ritualisierte Warnung. Auch beim Menschen ist dieses Verhalten allgegenwärtig - und unterscheidet sich kaum von den Strategien einer an sich ziemlich einfältigen Lebensform: Raupen. Zelt aus Seide Niemand hätte gedacht, dass die kleinen Fressmaschinen mehr im Kopf haben, als eben Fressen - bis Jayne Yack von der Carleton University in Ottawa mit ihren Kollegen das komplexe Revierverhalten von Mottenlarven der nordamerikanischen, zu den Sichelflüglern gehörigen Motte Drepana arcuata beobachtete. Diese Motten legen ihre Eier in dichten Gruppen auf die Blätter von Birken und Erlen, an denen sich die Raupen dann gütlich tun. Dazu bauen sie sich - jede mit ihrem eigenen Blatt - ein kleines Zelt aus Seide und fressen und fressen und fressen. Vor Wind, Wetter und Vögeln weitgehend geschützt, können ihnen hier eigentlich nur noch die Genossen der eigenen Art etwas anhaben, und so gilt es, das einmal gesicherte Revier zu verteidigen - wobei die empfindlichen Raupen auf riskante Nahkämpfe tunlichst verzichten. Stattdessen schaben sie mit ihren ruderförmigen Hinterbeinen über die Blattoberfläche. Und sollte dies dem Eindringling nicht Warnung genug sein, legen sie mit ihren Mundwerkzeugen ein zunehmend hektischer werdendes Stakkato nach. Hören können die Tiere nicht, doch reagieren sie offenbar sehr sensibel auf den vibrierenden Untergrund. In ihrem Mottenlabor beobachteten die Forscher, dass sich die Konkurrenz auf diese Weise in aller Regel in die Flucht schlagen lässt - und zwar meist bereits nach wenigen Minuten. Immerhin, manchmal zieht sich dieser Machtkampf auch über Stunden hin, und es ist der Nestbauer, der sich nach einer neuen Bleibe umsehen muss. Yack und ihre Mitarbeiter vermuten, dass die Raupen mit dem Trommeln nicht nur ihre Stärke und Größe signalisieren, sondern auch die Feinde der Raupen auf den Eindringling aufmerksam machen. Während sie sich selbst ja im sicheren Nest befinden, ist der wohnungslose Artgenosse gänzlich ohne Deckung. Da könnte es sein, dass auch Vögel die Vibrationen spüren. Besonders fasziniert die Forscher, dass die Raupen erst gegen Ende ihres Daseins zu Einzelgängern werden und dann mit ihren Signalen das Revier abgrenzen. Junge Raupen tun sich hingegen zu Gruppen zusammen - und kratzen, schaben und trommeln wie nichts Gutes. James Costa von der Western Carolina University kann sich deshalb vorstellen, dass sich die Umgangsformen im kurzen und einfachen Leben der Raupen kräftig verändern. Vielleicht finden sich die Tiere in "jungen Jahren" so in großen Gruppen zusammen - und schützen sich vor Feinden schlicht durch ihre schiere Zahl - und signalisieren erst später, dass sie vor ihrer Verpuppung allein sein wollen. Ganz schön raffiniert - und ganz schön riskant. Nicht auszudenken, wenn der Mensch auf die Idee käme, sich in die Kommunikation der Raupen einzuschalten und den Baumschädlingen mit Ultraschall oder ähnlichem vermittelte, dass sie in diesem Wald nichts zu suchen haben. (APA)