Die letzten Tage waren beruflich die härtesten für den schmächtigen Mann. Zuerst war die New York Stock Exchange (NYSE), die nur wenige Straßenzüge vom World Trade Center entfernt liegt, vier Tage geschlossen. Eine Ewigkeit für das schnelle Geschäft das Aktienhandels. Am Montag dieser Woche eröffnete der größte und wichtigste Börseplatz wieder - unter dem enormen Druck der Finanzwirtschaft, der die Verletzbarkeit ihres Systems vor Augen geführt worden ist. Richard A. Grasso, Chairman und Chief Executive Officer der NYSE, hat kühlen Kopf bewahrt. Sowohl Schließung als auch Wiedereröffnung, die er mit den Worten "Heute kehrt Amerika zum Geschäft zurück" einleitete, waren das Richtige zum richtigen Zeitpunkt. Wille und Entschlossenheit, sich nicht unterkriegen zu lassen, haben Grasso, genannt Dick, schon des Öfteren ausgezeichnet. Dass der Crash im Oktober 1987 nicht zu einem nachhaltigen Desaster wurde und eine schnelle Erholung einsetzte, wird auch ihm zugeschrieben. Wenn das Licht der Öffentlichkeit nicht auf den nur 1,70 Meter großen, angeblich mit einer fiependen Stimme ausgestatteten Mann strahlt, arbeitet er unermüdlich an der Positionierung der NYSE. Zwischen der zweitgrößten Weltbörse, der Nasdaq, und seinem Haus tobt ein erbitterter Konkurrenzkampf um jedes einzelne Listing. Schon mehrfach antichambrierte Grasso bei Microsoft, um das Unternehmen dazu zu bewegen, sich doch von der Nasdaq zu trennen und zu ihm zu kommen. Große europäische Unternehmen wie das Softwarehaus SAP oder auch weniger große wie die Telekom Austria werden bei der Börseneinführung PR-mäßig umschmeichelt. Mit Erfolg: Rund 400 ausländische Gesellschaften entschieden sich mittlerweile für die New York Stock Exchange. Im Gegensatz zur Nasdaq, die eine landesweit verteilte Computerbörse ist, setzt Grasso auf das traditionelle Parketthandelssystem. Immer noch ist der 3500 Quadratmeter große Handelssaal das Herz des Kapitalismus, notieren mehr als 3000 Titel, werden 800 Millionen Aktien pro Tag gehandelt. Allerdings: Die meisten Neuemissionen der letzten Zeit fanden beim kleinen Bruder Nasdaq statt. Der 55-jährige New Yorker arbeitet seit 33 Jahren an der Wall Street, was für seine Position als Chief Executive ungewöhnlich ist. Die bisherigen Chefs der NYSE sind allesamt Händler gewesen. Nicht so Grasso. Nach einem nie abgeschlossenen Buchhaltungsstudium begann er 1968 als Verwaltungsbeamter an der NYSE. Unter seiner Regie wurde ein Computerprogramm namens Super Dot eingeführt, das einerseits Rekordumsätze erlaubt, andererseits extreme Kursstürze verhindert. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe 21.9.2001)