Russlands Präsident Wladimir Putin hat die Amerikaner nach den Terroranschlägen des 11. September glaubhaft seines tiefen Mitgefühls versichert. Die Fahnen auf dem Kreml wurden auf Halbmast gehängt.

Putin fühlt sich in seiner Warnung vor dem Terrorismus als der "Pest des 21. Jahrhunderts" bestätigt. Er hat nach Sprengstoffanschlägen auf russische Wohnhäuser als Regierungschef den zweiten Feldzug Moskaus gegen das abtrünnige Tschetschenien eingeleitet. Mit diesem Bonus gewann er die Präsidentenwahl haushoch. Die Drahtzieher der Terroranschläge sind nach wie vor unbekannt, aber der Tschetschenienkrieg ist laut Moskau eine antiterroristische Maßnahme. Jetzt, da seine Beteiligung an der von den USA angepeilten Antiterrorallianz gefragt ist, erhofft sich Russland mehr "Verständnis" für seine Tschetschenienpolitik. Und lässt Art und Ausmaß seiner Unterstützung der US-Kampagne offen.

In Moskau will man augenscheinlich abwarten. Verstricken sich die USA in ein militärisches Abenteuer, dann bedeutet das eine Schwächung der einzigen verbliebenen Supermacht - mit neuen Chancen für den abgeschlagenen Zweiten. Entwickelt sich die amerikanische Strategie tendenziell erfolgreich, kann man immer noch herzhaft aufspringen.

Diese Haltung ist zwar nicht wirklich konstruktiv, aus Sicht der russischen Geostrategen aber zumindest verständlich. Immerhin könnte man im Kreml den Zeitgewinn nutzen, um einige Fragen zu klären. Etwa: Wie verträgt sich Russlands offizielle Antiterrorpolitik mit seinen guten Beziehungen zu Ländern wie dem Irak, Syrien, Libyen oder Iran, deren Rolle in diesem Kontext unklar bis äußerst dubios ist? Oder: Wie entschlossen ist die russische Staatsmacht bisher gegen Netzwerke ehemaliger KGB-Agenten vorgegangen, die allen Indizien zufolge im internationalen Terrorismus keinen unbedeutenden Part darstellen? (DER STANDARD, Printausgabe, 21.9.2001)