Der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger, Verfasser von "Das Elend Amerikas" und "Opernball", sieht nach den Anschlägen in New York eine neue Form des Terrors. Im Gespräch mit Priska Koiner hält er aber nicht viel von Betroffenheitsrhetorik. STANDARD: Politiker reden, Journalisten schreiben. Viele Intellektuelle schweigen ... Haslinger: Journalisten schreiben zurzeit über die Bedürfnisse hinaus. Tagaus, tagein dasselbe. Es wird alles von den amerikanischen Medien übernommen. Das ist ein großer Fehler. Man scheint zu vergessen, dass in den USA ein selbst erklärter Kriegszustand herrscht. Die amerikanische Regierung hat im Moment die Möglichkeit, die Berichterstattung zu kontrollieren - und das tut sie. Das war auch im Golfkrieg so. Sobald der Kriegszustand erklärt wird, gibt es auch so etwas wie einen staatlich gelenkten Propagandazustand. STANDARD: Aber die Livebilder von CNN konnten doch nicht der Zensur zum Opfer fallen. Haslinger: CNN berichtete, aber berichtete auch nicht alles. So waren die Reporter etwa beim vierten Flugzeug an der Absturzstelle, und dann waren sie plötzlich weg. Warum? Wenn ein Flugzeug eineinhalb Stunden nach dem ersten Anschlag als eindeutig gekaperte Maschine noch in der Luft ist und die amerikanischen Abfangjäger sind noch nicht vor Ort, dann kann man diese Abfangjäger überhaupt vergessen. Ich persönlich gehe davon aus, dass die vierte Maschine abgeschossen wurde. STANDARD: Wo sind aber die Kulturschaffenden? Haslinger: Die haben spezifische Aufgaben, nicht die der Berichterstattung. Die Kommentierung des Zeitgeschehens wurde ihnen sanft aus der Hand genommen. Der Schriftsteller hat darin keine andere Rolle als jeder andere alphabetisierte Mensch. Das ist auch richtig so. Wieso soll der Schriftsteller das Zeitgeschehen besser verstehen? STANDARD: Als Arbeitender mit der Sprache ist man doch besonders sensibilisiert. Haslinger: "Wir werden sie ausräuchern", "tot oder lebendig!" - die Klischeesprache der emotionalen Mobilisierung einer Nation. Um sie als solche zu erkennen, muss man nicht schreiben, es reicht, Leser zu sein. Es ist ja interessant, dass man zum Schriftsteller kommt, wenn es kritisch wird. Wenn man Trost und Rat sucht, weil man die Phrasen nicht mehr aushält, als wäre der Schriftsteller eine Art Priester. Man hofft, er könnte Worte finden, die andere nicht finden oder wenigstens den gängigen Sprachregelungen den literarischen Segen geben. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass Religion mittlerweile einen sehr niedrigen Stellenwert hat und Kunst begonnen hat, Ersatzfunktionen fürs Religiöse wahrzunehmen. STANDARD: Sie skizzierten in Opernball einen fiktiven Terroranschlag. Was wäre, wenn der wahr geworden wäre? Haslinger: In gewisser Weise war er schon wahr geworden, als ich das Buch zu schreiben begann, und ist seither immer wieder wahr geworden. Was den Terroranschlag in New York von anderen unterscheidet, ist letztlich vor allem die erschreckend hohe logistische Intelligenz und damit verbunden die hohe Zahl der Todesopfer. Das Ereignis hat drei Komponenten: Erstens eine starke politische Überzeugung, ein starkes Feindbild. Das hat bei Terroranschlägen immer schon dazugehört. Zweitens die Inszenierung des Terrors in aller Öffentlichkeit - als Ereignis, das jedermann zufällig treffen kann und von jedermann mitverfolgt werden kann. Das nicht nur Inkaufnehmen, sondern bewusste Herbeiführen zufälliger Opfer scheint zunächst das Freund-Feind-Schema völlig zu verwirren, stellt es aber durch den Umweg über die Massenpsychologie umso nachhaltiger her. Dieses Moment wächst mit der Ausdehnung der Mediengesellschaft. Der Wunsch der Täter, einen imaginierten Gegner nicht nur zu treffen, sondern ihn als realen Feind zu demaskieren, findet hier paradoxerweise Unterstützung durch eine verunsicherte Öffentlichkeit. Zum Schluss zeigt sich der Gegner so, wie man ihn zeigen wollte, als rachedurstiger Feind. Solche Attentate gibt es seit Jahrzehnten. Im Bahnhof von Bologna, auf dem Münchner Oktoberfest, in der Tokioter U-Bahn, in Oklahoma. In Opernball habe ich dieses Grundszenario nur nachgespielt: Die Opfer sind zufällig: Wer auf den Opernball geht, ist ein toter Mensch. Aber trotz dieser Zufälligkeit kommt eine unheilvolle politische Entwicklung in Gang, weil der Anschlag vor aller Augen geschah. Das dritte Moment ist der religiöse Fanatismus. Ein Selbstmordattentat radikalisiert die Situation. Es ist ein apokalyptisches, endgültiges Handeln, das dem vorgestellten Gegner keine Chance zur adäquaten Bestrafung lässt, weil es den eigentlichen Täter ja nicht mehr gibt. Das verschärft das Moment der versuchten Demaskierung. STANDARD: Was ist jetzt das Besondere am US-Zustand? Haslinger: Die Amerikaner stehen in einer Situation, in der die Israelis seit Jahren stehen. Sie erkennen: Jeder kann plötzlich Opfer werden. Das ist für sie deshalb ganz neu, weil der letzte Krieg auf amerikanischem Boden - der Bürgerkrieg - 150 Jahre zurückliegt. Die Menschen haben keine unmittelbare Erfahrung mit Krieg im eigenen Land. Sie haben sich in die Rolle der Good Guys eingelebt, in die der Freiheitsbringer in einer vom Bösen umstellten Außenwelt. Und bis zu einem gewissen Grad hat das auch gestimmt. Wenn es um eine nationale Mobilisierung geht, werden sofort wieder solche Klischees hochgezogen. STANDARD: Filme werden zurückgezogen, Veranstaltungen abgesagt. Was halten sie von diesen Reaktionen? Haslinger: Da wird mit großem Geschwafel eine Scheinmoral inszeniert. Dass man bei einer solchen Tat in aller Welt einen Moment lang innehält, ist zum Glück noch natürlich und tut uns allen gut. Weil es die Chance gibt zu begreifen, dass es sich um eine Radikalisierung von Konflikten handelt, die uns über kurz oder lang alle betreffen. Aber auch hier werden der Schock und die Rhetorik langsam einer nüchternen Bilanzierung weichen, und dann wird dieser Terroranschlag in der Serie geschichtlicher Grausamkeiten bei weitem nicht als die monströseste Tat erscheinen. Die Behauptung, dass jetzt nichts mehr so sei wie vorher, ist derzeit nichts als Betroffenheitsrhetorik. Aber selbstverständlich könnte eine unangemessene westliche Reaktion eine Entwicklung in Gang setzen, an deren Ende dann tatsächlich nichts mehr so ist, wie es vor dem Anschlag war. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23. 9. 2001)