Der zuständige Beamte formuliert es blumig: "The beauty of science" - die "Schönheit der Wissenschaften" - soll den Schülern künftig mehr bewusst gemacht werden. Die Oberstufenreform wird 2003 in Kraft treten, sagt Johann Wimmer, Leiter der Abteilung AHS im Bildungsressort. Somit gilt sie schon für jene Schüler, die jetzt die zweite Klasse Unterstufe besuchen. Derzeit werden die Lehrpläne der einzelnen Fächer in Expertengruppen durchforstet, ein besonders Augenmerk gilt den Naturwissenschaften. Die Unterrichtsinhalte sollten dann nicht mehr "wie an der Uni wissenschaftlich überhöht" dargestellt werden, lautet der Wunsch des Ministeriums. Darüber hinaus werden neue Technologien eine noch wichtigere Rolle spielen. Ein weiteres Anliegen ist mehr "Präsentationskompetenz" für Schüler - sprich: "Verkauf" der eigenen Leistung statt einschläferndes Herunterleiern eingelernten Wissens. Mehr individuelle Wahlfreiheit der Siebt- und Achtklassler bei den Fächern scheint man den Schülern aber voraussichtlich nicht zugestehen zu wollen. Es gehe eher um mehr Spielraum für "regionale Profilbildung" der Schulen, zeigt sich Wimmer zurückhaltend. Hohe Wahlmöglichkeit innerhalb eines Standortes sei schwer administrierbar und würde Lehrerwiderstand erzeugen. Auch an der - durch eine OECD-Studie belegten - hohen Zahl an Unterrichtsstunden für heimische Schüler soll nicht gerüttelt weden. Fächer formieren sich Die Fächerlobbys klopfen bereits an die Tür des Ministeriums: So machen etwa die Musiker Druck, um nicht weiter in den Hintergrund gedrängt zu werden. Und die Chemiker warnen vor Einsparungen im Chemieunterricht. Die Entscheidungsträger von morgen würden ansonsten grundlegende naturwissenschaftliche Zusammenhänge nicht mehr verstehen. Als ganz besonders reformbedürftig gilt unter Experten der Mathematikunterricht. Jürgen Maaß, Sprecher der Mathematikdidaktiker und Professor an der Uni Linz, findet die Mathematik "ohne Zweifel reformbedürftig". In einer demnächst zu erwartenden internationalen Studie würden heimische Oberstufenschüler zweifellos wieder sehr schlecht abschneiden, meint er (schon 1998 waren österreichische Maturanten in einer OECD-Mathematikstudie negativ aufgefallen). Laut Maaß gehe es bei der Reform weniger darum, "noch 20 weitere Algorithmen hineinzupacken", sondern um die "Anwendbarkeit" der Inhalte. Dafür seien fächerübergreifende Projekte - etwa mit Physik oder Biologie - denkbar. Die wären allerdings schon im bestehenden Lehrplan möglich. Doch es fehle an Unterstützung für innovative Lehrer, die neue (in Deutschland schon erprobte) Wege im Unterricht gehen wollen, kritisiert Maaß. Und was hält er von den gängigen Mathematikschulbüchern? "Grauslich" ist sein knapper Kommentar. Maaß ärgert sich, in keiner Expertengruppe im Ressort vertreten zu sein. Diese würden von Leuten geleitet, die immer nur ihren "Freundeskreis" dazu einladen. Rudolf Taschner, Universitätsprofessor an der TU Wien, plädiert überhaupt für einen Systemwechsel. Er will ein Kurssystem, das den Begabungen mehr Rechnung trägt und nach Leistung differenziert. Den Kindern könnten weniger, dafür gezieltere Unterrichtsstunden geboten werden. "Es ist absurd, in der Oberstufe noch wie Volksschüler in der Klasse zu sitzen." Taschner, der selbst nebenberuflich in einer Wiener AHS jeweils eine Klasse in der Oberstufe in Mathe unterrichtet, kritisiert die Lehrerkollegen: Dass ihr Status "heruntergegangen" sei, rühre daher, dass sie sich öffentlich stets als "Armutschkerln" darstellten, "die nur ans Gehalt denken". Taschner wünscht sich verpflichtende "Sabbaticals". Dafür sollten eigene Programme entwickelt werden. Taschner ist Mitbegründer eines Projekts, das sich "math.space" nennt. Man hofft auf Räumlichkeiten im Museumsquartier, in denen - auch für Schulen zugänglich - die gesellschaftliche Bedeutung der Mathematik präsentiert werden soll. "The beauty of science" wäre hier sichtbar. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 25. 9. 2001)