Islamabad - Die US-Truppen sind noch nicht einmarschiert. Doch die Opposition und das Ausland machen sich bereits Gedanken darüber, wer in Afghanistan die Nachfolge der bisher regierenden Taliban-Miliz antreten könnte. Dass die radikalen Taliban durch die Kämpfe mit dem US-Militär zu Fall kommen, sehen Experten lediglich als Frage der Zeit an. Für viel heikler halten sie das Problem, wer danach in dem durch jahrzehntelangen Bürgerkrieg ausgebluteten Land die Herrschaft übernehmen soll. Die in sich zerstrittene oppositionelle Nordallianz würde die Bevölkerung kaum zusammenhalten können. (International wird das Taliban-Regime nicht anerkannt, sondern die Exil-Regierung von Burhanuddin Rabbani, Anm.) Dem 1973 gestürzten König Mohammed Sahir Schah, den die UNO bereits als möglichen Versöhnungsfaktor ins Spiel brachte, würde als Exilant in seiner Heimat vermutlich Misstrauen entgegenschlagen. Das Nachbarland Pakistan sähe dagegen am liebsten eine gemäßigte Taliban-Regierung am Ruder. "Ich gebe den Taliban keine drei Wochen mehr", prophezeit ein westlicher Diplomat. Dann hätten sich die Gemäßigteren und die Fundamentalisten unter ihnen vermutlich heillos zerstritten. Für die im Norden des Landes verschanzten oppositionellen Truppen war die Gelegenheit zur Rückeroberung des Landes noch nie so günstig. Durch die USA mit Geld und Waffen ausgestattet, könnten sie das Land nach Einschätzung westlicher Militärexperten schon bald zurückgewinnen. Eine wirklich glückliche Lösung wäre ihre Herrschaft allerdings auch nicht. "Wenn die Nordallianz die Regierung in Kabul übernimmt, würde das den nächsten Bürgerkrieg bedeuten", warnt ein europäischer Diplomat. "Daran hat nun wirklich niemand Interesse." Die Opposition setzt sich aus drei Minderheitengruppen zusammen: den Tadschiken, den Usbeken und den Hasara. Die größte Volksgruppe unter den rund 21 Millionen Afghanen sind jedoch mit mehr als 40 Prozent die Paschtunen. Eine Regierung ohne einen Vertreter aus der größten ethnischen Gruppe des Landes wäre über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt. "Wir wollen eine stabile Regierung", gibt sich General Bismullah Khan, einer der Köpfe der Oppositionstruppen, versöhnlich. "Alle ethnischen Gruppen sollten einen Vertreter nominieren." Die aus der früheren Mudjaheddin-Bewegung gegen die sowjetische Besatzung hervorgegangene Nordallianz ist jedoch schon in sich zerstritten. Nach dem Abzug der Sowjet-Truppen 1989 und dem Sturz des kommunistischen Präsidenten Mohammed Nadjibullah 1992 begannen die ehemals gemeinsam kämpfenden Kriegsherren, sich gegenseitig zu befehden. Erst als die Taliban vor fünf Jahren Kabul einnahmen und die Opposition sich in die Berge im Norden zurückziehen musste, rauften sich die rivalisierenden Gruppen wieder zu einer Notgemeinschaft zusammen. Die UNO hofft darauf, dass der frühere König Mohammed Sahir Schah sein Land versöhnen könnte. Das bedeute jedoch nicht automatisch eine Rückkehr zur Monarchie, betont der Afghanistan-Beauftragte von UNO-Generalsekretär Kofi Annan, Francesco Vendrell. Über die künftige Regierungsform sollten die Afghanen vielmehr selbst entscheiden. Der 86-jährige Monarch erscheint vielen als die geeignete Figur im Versuch, die Taliban-Herrschaft von innen zu sprengen. 40 Jahre lang hatte der in Frankreich studierte Monarch sein Land mit Bedacht und Weitblick regiert. Nach seinem Sturz 1973 lebte er extrem zurückgezogen in seinem Exil in Rom. Als Paschtune könnte er dennoch einen Keil zwischen die Taliban treiben, deren Führungsspitze mehrheitlich diesem Volksstamm angehört, glauben Experten. Die Bruchstelle der Taliban liege zwischen den echten Fundamentalisten, die dem mutmaßlichen Terroristenführer Osama bin Laden in den Heiligen Krieg folgen wollen, und den eigentlich eher nationalistisch eingestellten Gemäßigten. Günstig sei, dass der König der gleichen Paschtunen-Untergruppe angehöre wie die gemäßigteren Taliban. (APA)