Jörg Schlick, Mitbegründer der skurrilen "Lord Jim Loge", bespielt ab 6. Oktober gleichzeitig 13 Schauplätze. Und präsentiert noch so manch anderes. Manchmal kann man sich über Peter Oswald nur wundern. Denn nichts schreckt den Intendanten ab, auch der Größenwahn nicht. Er bittet zum Beispiel Jörg Schlick in sein Büro, weil er sich von dem Künstler, der zur Grazer Szene gehört wie Wolfi Bauer, ein Projekt wünscht. Aber Schlick will eigentlich nicht. Er ist nun auch schon 50, und in den letzten zwei Jahrzehnten hat er mit allen Intendanten des Festivals (oder gegen sie) gearbeitet. Peter Vujica, der später Kulturressortleiter des STANDARD werden sollte, ließ den Polyartisten in New York eine Choreographie zur Uraufführung bringen (1985). Nachfolger Horst Gerhard Haberl ärgerte sich grün und blau, weil Schlick, Referatsleiter im Forum Stadtpark, mit seinen Künstlerfreunden 1990 nach Singapur zu fliegen gedachte, um dort ein hoch subventioniertes "Konzil" der von ihm mitbegründeten "Lord Jim Loge" abzuhalten, dessen Sinn es gewesen wäre, einfach nur Spaß zu haben. Und unter Christine Frisinghelli war er der Artdirector des Festivals. Weil Schlick also eigentlich nicht will, sagt er zu Oswald, er arbeite für den herbst nur dann, wenn er alle Galerien in Graz bespielen dürfe. Gleichzeitig, wohlgemerkt. Und was entgegnet der Intendant? Er sagt "super", greift zum Telefonhörer und gewinnt sofort mehrere Galeristen für das megalomane Unterfangen, das Schlick, der Schelm, mit einem Zitat von Nietzsche betitelt, das eigentlich eine Charakteristik des griesgrämigen Kollegen Schopenhauer ist: Gleich scheuen Hirschen in Wäldern versteckt zu leben . Und so hat sich Schlick ein grausam arbeitsreiches Jahr eingebrockt. Schließlich fertigte er gut 1000 Arbeiten an, ziemlich abstrakte Fotocollagen, die auf den Kombinationsmöglichkeiten der DNS basieren. (Wollte er das Projekt zu einem glücklichen Ende bringen, müsste Schlick 10.000 Jahre leben. Denn es gibt, wie wir wissen, 3,2 Milliarden Möglichkeiten.) Aber es wird auf dem Ausstellungsparcours (19 Programmpunkte an fast ebenso vielen Schauplätzen) nicht nur schicken Schlick zu sehen geben: Im Park-Office und in der "Galerie für 30 Tage" präsentiert der Dozent die Arbeiten seiner Studenten (u. a. Architekturpläne für eine monströse Lagerhalle, die alle 3,2 Milliarden Schlick-Werke fassen können soll), in der Einspinnergasse seinen "Lehrer" Henri Michaux. Des Weiteren stellt der Meister aller Klassen zwei CDs vor (Kompositionen mit den Tönen C, D, G und A analog zu den Basen A, T, C und G der Helix-Struktur), er lässt musizieren, und den Abschluss des ereignisreichen Eröffnungstages bildet eine (be)rauschende Party. Ende Oktober wird zudem die Choreographie von 1985 wieder aufgeführt - Peter Vujica zugedacht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 9. 2001)